K-S.H.E – Routes Not Roots

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Zugegeben, „Routes Not Roots“ ist eigentlich ein Album aus dem Jahr 2006, doch erst jetzt – dank der Franzosen von Skylax – kann ein breites Publikum Terre Thaemlitz (aka DJ Sprinkles) Schaffen als Kami-Sakunobe House Explosion (K-S.H.E) hören. 2006 erschien es auf Thaemlitz‘ Label „Comatose Recordings“ mit von ihm handbemalten Covern.

„Routes Not Roots“ ist ein – subjektiv – äußerst problematisches Album. Einerseits ist es ein House-Album – und House hat für diesen Rezensenten einen Hang, nach drei Minuten unhörbar oder/und selbstreferentiell kitschig zu werden. Zudem ist „RnR“ ein Konzeptalbum – wobei dies bei Thaemlitz nicht wirklich anders zu erwarten ist – was, so gut das Konzept auch immer umgesetzt sein mag, häufig nicht der Hörbarkeit dient.

Thaemlitz thematisiert die für ihn House-Musik immanenten Probleme, das Identitätsproblem von Herkunft und Heimat, Eigenbestimmung gegen Gruppenzugehörigkeit und phänotypischem versus psychologischem versus genotypischem Geschlecht. Weiter gefasst dreht sich hier das Meiste um die Probleme und die Paradoxa eines transgender-Lebens und der Bedeutung der Queerness für die Evolution von House seit seligen Discozeiten bis heute. Thaemlitz‘ „Fagjazz“ transportiert hier die Auflösung herkömmlicher Geschlechtermodelle im Club, wo sie am besten hinterfragt und experimentell variiert werden können. Musikalisch durchaus in klassischen Housegefilden wurzelnd, ragt dieses Album doch direkt in den House der Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Um es vorwegzunehmen: Wenn Residentadvisors Andrew Ryce „Routes Not Roots“ als eines der „einzigartigsten und bewegendsten Housealben“ beschreibt, die man „jemals hören“ wird, kann man ihm nur vollkommen zustimmen.

Dies liegt vor allem daran, dass „RnR“ als Konzeptalbum ebenso sehr gelingt wie als Housemusikalbum. Die Musik akzentuiert die Hörspiel- und Vokalsequenzen, während deren Intensität die Tracks besonders fühlen lässt. So sehr der Gesamteindruck und -wert von „Routes Not Roots“ von Thaemlitz‘ Konzept abhängt, funktionieren die Stücke eben doch auch separat und das Album als Album. Thaemlitz schafft das Erstaunliche, Track und Konzept zu vereinen, trotz und in all ihrer Widersprüchlichkeit.

So ist „Crosstown“ ein karnevalesker, hispano-amerikanisch perkussiver, hypnotischer Track, dessen Frohsinn die Vokalsamples kontrastieren. Diese Samples schleichen sich ganz subtil ins Bewusstsein, brechen so die Feierei im Gehirn, lassen aber den Körper weiter in Bewegung. Tanzen und Denken vereint „Routes Not Roots“. Auch „Infected“ und „B2B“ erklingen als hyperaktive Clubnummern, wohingegen „Double Secret (Dub)“ tiefschwarzer, atmosphärischer House ist, den samtweiche Gesangselemente aufhellen und emotional vertiefen. Die hektischen Beats von „B2B“ wiederum werden von melodiösen Schwingungen geerdet. Das Housepiano in seinen Synkopen wirkt hier häufig verletzlich, verletzt oder sogar beschmutzt. Selbst die musikalischen Miniaturen sind effektiv. „Hobo Train“ wiederum verbindet stampfende minimale Rhythmen, vereinzelte, aufsteigende metallische Klänge, Vocalsamples, industrielles Rauschen, Handclaps und melodiös klassische Houseelemente, um ein ungemein intensives, episches Klangerlebnis zu schaffen. Auch die Albumeröffnung „Down Home Kami-Sakunobe“ ist ein begeisternd melodisches und dunkles House-Meisterwerk. Dieser sprachliche Kopf „Meisterwerk“ ist auch die einzig treffende Beschreibung von „Routes Not Roots“ als Ganzem – nur „Kunstwerk“ käme ihm noch nah.

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