Coldplay – Mylo Xyloto

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Sind Coldplay die größte Band der Welt? Ziemlich sicher. Werden Coldplay von mehr Menschen verachtet als jede musikalisch ähnliche und annähernd so große Band? Wahrscheinlich ebenfalls. Ist „Mylo Xyloto“ ein weiterer qualitativer Schritt nach unten, wie er auf den letzten beiden Alben erfolgte? Nein.

Rekapitulieren wir, Coldplay waren immer schon die Band für die großen Melodien, die Feuerzeug- und Mitklatsch-Momente. Ihre Songs fraßen sich in Gehirn und Gehörgänge. Sie waren ein die Seele aus dem Leib singender Chris Martin und Harmonien, die dafür gemacht waren, große Menschenmassen in gemeinsamen Emotionen zu vereinen. Auf „X&Y“ entstand daraus eine nicht zu Ende gedachte, wenig spannende Selbstkopie, die zudem nicht so mitnahm, wie man es gewohnt war, und auf „Viva La Vida“ wurde versucht, Ideen anderer in den eigenen Klang einzubinden, was auf kaum beschreibbare Weise misslang. Beide Male war vorher versprochen worden, die Band würde sich revolutionieren, und auch beim neuen Album „Mylo Xyloto“ meinte manch einer im Vorhinein, ein Experiment ankündigen zu müssen. Das Klangabenteuer bleibt aus – natürlich? –, die einzige Überraschung des Albums ist, wie gut es funktioniert. Zwar mag das ein oder andere Element der Arrangements – vom Beat bis zu elektropoppigen Synthesizern – in seiner offensiven Verwendung neu für die Band sein, revolutionär ist es nicht und will es eigentlich nicht sein. Zwar mag die Produktion wieder so schwammig und wenig akzentuiert sein wie auf „X&Y“, es stört hier nicht.

„Mylo Xyloto“ ist das Album, mit dem Coldplay akzeptieren, dass sie keine Britpop-Band, sondern eine Chartsband sind, deren Konkurrenz nicht einmal The Killers, Kings Of Leon, Red Hot Chili Peppers oder U2 heißt, sondern James Morrison, Milow, One Republic, Lady Gaga, Beyoncé und Rihanna. Als Band wiederum zeichnet sie ihre Fähigkeit aus, nicht nur einen ihrer Songs zum weltweiten Hit zu machen, sondern dass potentiell zumindest jedes zweite Stück dies erreichen kann. Brian Enos Mithilfe schadet da sicher nicht. Die Akzeptanz des Radio-, Chart- und 08/15-Boulevard-Pops als Heimat sollte eigentlich die Stücke des Albums mittelfristig zu nerventötenden, schalen Langweilern machen, doch das bleibt aus. Es erstaunt – und erfreut in gewissem Sinne –, wie die hymnische Bedienung der großen, poppigen Emotions-Klaviatur funktioniert.

Sicherlich ist alles auf „Mylo Xyloto“ eine Selbstkopie – in den meisten Momenten vom Schaffen der Band vor „Viva La Vida“, in einigen wenigen eben von „Viva“. Gemacht, um die Gefühle in dir und deinem Nachbarn zu wecken, bietet das Album durch und durch große Melodien, Rhythmen, die das Mitklatschen einfach machen, sowie Harmonien und Texte, die das Mitsingen geradezu erzwingen. Als Kopie ihrer Selbst bedürfen die Melodien nicht einmal mehr der Fähigkeit, sich in unseren Gehörgängen festzusetzen, weil sie da bereits seit „A Rush Of Blood To The Head“ beheimatet sind. Die Band präsentiert durchgängig bombastischen Stadionrock, der in seiner Musikalität und seiner zumeist unpeinlichen Produktion auf perverse Art beglückt. So sehr Chris Martins Gesang auch im Vordergrund prangen kann und in seiner dringlichen Intonierung auch anstrengen mag, weder diese Intensität noch der Bombast der Produktion ersticken die Stücke. In kaum einem Moment stellt sich Langeweile ein. Manches wirkt zwar zweifelhaft und effekthaschend, aber es funktioniert im Rahmen des angestrebten Pop: das Quäken zu Beginn von „Charlie Brown“, das Repetitive sowie das Oszillierende in „Paradise“, das Verhältnis von König zu Prinzessin in „Princess of China“, die Mitwirkung von Rihanna in diesem Stück, „Geronimo“ in der Vorabsingle „Every Teardrop Is A Waterfall“, wie sehr dieser Song eigentlich auf „Viva La Vida“ gehört, und dass „Major Minus“ tatsächlich eigentlich ein Lied von U2 ist. Nichtsdestotrotz gefällt dies alles. Wo „X&Y“ einfach Coldplay. aber ohne den „Aha“-Effekt war, ist „Mylo Xyloto“ einfach Coldplay mit all der seichten, bezaubernden Emotionalität und der erwünschten, kollektivierten Begeisterung. Das Album wurde geschrieben, um im Wembley-Stadion und auf dem Glastonbury Festival zu funktionieren und im Gegensatz zu den Stücken der beiden Vorgänger, die live genau dies bereits erfolgreich leisteten, überzeugen die Nummern diesmal auch auf Platte.

Gibt es Stücke, welche die simplen, aber positiven Selbstkopien „Hurts Like Heaven“, „Paradise“, „Charlie Brown“, „Every Teardrop Is A Waterfall“, „Up In Flames“ übertreffen? Zunächst untertrifft „Princess Of China“ diese, aber tatsächlich finden sich Momente auf „Mylo Xyloto“, die in ihrer zarten, klaren Schönheit mehr als einfach nur überzeugen. Es kann nicht erwartet werden, dass die Produktion sich ganz zurücknimmt, aber wenn das Arrangement sich auf ein Minimum beschränkt, kommen Momente auf, die selbst die größten Kritiker und die frühesten Fans überzeugen sollten. Dies sind „Us Against The World“, „Up With The Birds“ und „Up In Flames“. Auch erwähnter U2-Song „Major Minus“ sticht aus dem Album heraus als rauhere, rockige, als unbekanntere Seite der Band Coldplay. Im Grunde vollkommen selbstbezogen erklingt „Don’t Let It Break Your Heart“, aber zwei Dinge heben es heraus aus dem Coldplay’schen Schaffen der nunmehr fünf Alben. Einerseits werden die bandtypischen aufsteigenden Harmoniebögen umgebogen, wird die kollektive Ekstase geschickt verzögert, man weiß zwar, wo das Stück hingehen soll, will und wird, aber der Moment, an dem dies geschieht, ist vollkommen unerwartet. Zum anderen scheint jemand aus dem Produktionsteam viel M83 gehört zu haben – bzw hat natürlich Anthony Gonzalez sehr viel Brian Eno konsumiert. Sphärische Chöre im Hintergrund und flächige Synthesizer geben „Don’t Let It Break“ seine ganz eigene, für Coldplay untypische Stimmung, die in Verbindung mit dem Originären und Bandtypischen des Stücks einen verblüffenden Zauber entwickelt.

Nein, „Mylo Xyloto“ ist kein großes Album. Es ist ein Coldplay-Album, so wie „No Line On The Horizon“ ein U2-Album war. Wie dies vermag „Mylo“ aus dem, was nicht nur Band-Ultras an der jeweiligen Band zu schätzen wissen, eine Platte zu schaffen, die nicht vortäuscht, etwas zu sein, was die Band nicht ist. Vielmehr werden die Qualitäten der Band konzentriert, und sie werden zum Scheinen gebracht. Das gelingt hier weniger gut als bei U2s „No Horizon“, aber es unterscheiden sich auch die Zielgruppen. „Mylo Xyloto“ ist ein Album, das die Erwartungen deshalb enttäuscht, weil es sie qualitativ weit übertrifft.

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