Active Child – You Are All I See

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2011, das Jahr, das Alben von James Blake, Bon Iver, How To Dress Well, Joker, Jamie Woon und Active Child hervorbrachte oder, im Fall von Drake, hervorbringen wird. Natürlich trennt die Herren Blake, Vernon, Krell und Woon ebenso viel wie sie eint. Entsprechend können die Vergleiche der Einleitung im Falle Active Child (bzw. Pat Grossi) durchaus in die Irre führen. Aber selbst wenn allein die Qualität die verschiedenen Alben einen würde, wäre dies genug Empfehlung für Grossis Albumdebüt „You Are All I See“.

Wie das, was Postdubstep genannt wird, nicht immer von dem, was letztes Jahr Chillwave und dieses Jahr Hypnagogic Pop (im Sinne von How To Dress Well) hieß, unterschieden werden kann, so passt die Bezeichnung eines ätherisch flüchtigen – und weißen – R’n’B nicht nur für Active Child und den ebenfalls auf dessen Album vertretenen Tom Krell (eben How To Dress Well), sondern auch auf Justin Vernon.

Die angebrachten Vergleiche – die sich zum Teil auch auf die bevorzugten Arrangements ausdehnen ließen – täuschen jedoch unnötig darüber hinweg, dass „You Are All I See“ eine erstaunliche, eine atemberaubende Platte ist. Die Faszination der Stücke gründet nicht zuletzt auf Pat Grossis Stimme, deren Falsett ganz offenkundig aus seiner Zeit als Chorknabe zehrt. Vermutlich kommt es auch daher so, dass manch ein Stück der Platte eine sakrale Ästhetik verströmt. Das ließe sich als mystifizierend und kitschig kritisieren, man kann sich ihm auf emotionaler Ebene aber auch einfach vollkommen hingeben. Den römischen und östlichen Harmonien, die hier Verwendung finden, gesellt sich die Harfe als weiteres stimmungsgebendes Element hinzu. Während kirchliche Anklänge, Harfe und Grossis Falsett einen bestimmten ästhetischen Grundton setzen, ist das Album von vielerlei stilistischen Mustern durchsetzt, die ebenso Richtung Postdubstep’sches Blubbern wie in Richtung Timberlake’schen R’n’B, M83’schen Klanglandschaften, 1980er Synthiepop und Postpunk weisen. In diesem vielfältig wohlklingenden Einklang erscheinen Grossis und Tom Krells autogetuntes Neo-R’n’B-Crooning und das sie umgebende synthetische R’n’B-Arrangement von „Playing House“ geradezu fehl am Platz und doch sind sie nur ein Ausdruck eines faszinierenden Albums. Gleiches gilt für das vordergründig schwächste Stück des Albums, das phasenweise übermäßig synthiepoppige „Shield & Sword“, das fast von den White Lies stammen könnte. Demgegenüber fällt es schwer, unter den restlichen acht Tracks die Highlights zu benennen. Selbst „Playing House“ und die Melodiekaskaden in „Shield & Sword“ können im richtigen Moment als Höhepunkte erscheinen. Im Endeffekt sind es vermutlich die zu Tode betrübte, gregorianische Tragik in „Johnny Belinda“, die sich als Abschluss dieser Platte schwer aus dem Kopf verbannen lässt. In überladen poppiger Künstlichkeit glänzt dagegen die bombastische Schönheit „See Thru Eyes“, und ihr Begleiter im Geiste „High Priestess“ ist kaum schwächer. Die Stimmung und die Qualität des Albums verdeutlicht aber eigentlich gleich zu Beginn das Doppel aus „Hangin On“ und dem Titeltrack. Hier leuchten die Klänge von Falsett und Harfe besonders, verbinden sich mit der latent seelenwunden Albumstimmung und der dennoch jubilierenden Helligkeit der Arrangements.

Natürlich sind Vorwürfe, Grossi kopiere vor allem Justin Vernon, nicht einfach zu entkräften. Natürlich verbindet Active Child auf seinem Debütalbum all das, was in den letzten Jahren hip oder cool war. Hier treffen Harfe und Falsett auf vielgeschichtete Arrangements und eine implizite R’n’B-Ästhetik, das Album verbindet Gespenstisches, verschlierte Vocals und Arrangements mit synthetischen Elementen und Bässen, die wie durch Wasser und Watte erklingen. Am Ende aber ist „You Are All I See“ besser, als es die plumpe Essenz aus Timberlake, Blake, Vernon, Newsom und so weiter jemals sein könnte.

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