Roll The Dice – In Dust

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Ist „Konzeptalbum“ eigentlich ein Schimpfwort? Vielleicht ist das die falsche Frage, weil nicht einmal klar ist, ob „In Dust“ der beiden Schweden Malcolm Pardon und Peder Mannerfelt (aka Roll The Dice) wirklich als Album mit einem einheitlichen, auch inhaltlichem Konzept gedacht war. Sicher ist, die Musiker haben die Platte als „Album-Album“ geplant und die Inszenierung ihrer ambienten, einmal hypnotischen, einmal treibenden Analogsynthesizer-Epen auf einen kontinuierlichen Spannungsbogen ausgelegt. Die Titelgebung wiederum versieht die Tracks mit einer Geschichte aus den frühen Zeiten der Fließbandarbeit und suggeriert Bilder aus Metropolis oder Chaplins Modern Times.

Abgesehen von den rufenden Glocken in „Calling All Workers“ vermögen Roll The Dice nicht, diese Geschichte in ihren Soundscapes zu transportieren. Nicht nur das, so intensiv, so ansprechend, so technisch perfekt die auf fast antiken analogen Klangerzeugern produzierten Tracks auch sein mögen, so wenig können sie doch durchgängig fesseln. Die eintönigen Melodie-Schleifen in „Calling All Workers“, die vereinzelten Pianoklänge in „Idle Hands“ oder die hypnotischen Rhythmen von „Maelstrom“ haben alle ihren Reiz, aber ihre Dunkelheit und ihre rhythmische Monotonie erzeugen zumeist weder die beabsichtigte klaustrophobische Wirkung noch nehmen sie in der von dieser Art von Musik gewünschten Weise gefangen. Flirrenden Synthieflächen wurden zum Beispiel schon weitaus effektiver von M83 eingesetzt, als es Roll The Dice in „Dark Thirty“ gelingen mag. Auch das Gegeneinander von Piano und Drums und Effekten in „The Skull Is Built Into The Tool“ reicht nicht an das heran, was nicht zuletzt die Kraut-Elektroniker der 1970er Jahre aus den gleichen Mitteln gemacht haben.

Erst mit „The Suck“ in der zweiten Albumhälfte lässt sich die Bedrohung, die „In Dust“ vom Anfang an irgendwie innewohnt, wirklich fühlen, und „Cause And Effect“ ist dann tatsächlich eine großartige, eine beeindruckende, aus Synthesizereffekten und Piano zusammengesetzte Klanglandschaft, die im Kopf des Hörers einen eigenen Film ablaufen lässt. Hier wirkt die Inszenierung, funktioniert der Spannungsbogen des Songs und erreicht „In Dust“, die Intensität, die im Grunde von Anfang an geahnt, aber nicht wirklich empfunden wird. Noch packender gelingt der Elfminüter „Way Out“ in seiner scheinbaren, hoffnungsfrohen Helligkeit.

Analoge Klangwelten können den Hörer auf ungeahnte Weise packen. Das beweisen auch Roll The Dice gegen Ende des Albums. Zu lang aber streichen ihre hypnotischen Tracks unauffällig am Hörer vorbei. Dass „In Dust“ dennoch ein gutes Album ist, liegt nicht nur an den abschließenden Stücken, die beeindruckt zurücklassen, sondern auch daran, dass selbst die erste Hälfte sowohl von einer technischen Perfektion wie von einer ungemeinen Musikalität sprechen und jedes Stück einzeln besser funktioniert als die Albumgesamtheit.

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