Kinderzimmer Productions – Gegen Den Strich

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Man ist es gewohnt: Bands lösen sich auf, machen noch eine letzte Tour, eine Unplugged-Platte, kommen für eine allerletzte Tour zusammen, zu der es dann eine Best-Of gibt, es folgt der allerallerletzte Live-Auftritt und das dazugehörige Live-Album. Textor und Quasi Modo – die Ulmer HipHop-Heroen von den Kinderzimmer Productions – gehen tatsächlich ziemlich genau diesen Weg, obwohl es das war, was sie ganz sicher nicht tun wollten. Die Auflösung wurde im November 2007 erklärt, ein letzter Gig fand im April 2008 unplugged in Dortmund statt, die zugehörige Platte erschien als Weihnachtsgeschenk 2009. Der Nachschlag erfolgte im August 2010 in Wien, und im Oktober 2011 können jetzt mittels „Gegen Den Strich“ daran mehr als gut 200 Zuhörer teilhaben. Vier Jahre aufgelöst, vier Bonus-Ereignisse für den Fan.

Dennoch ist hier manches anders als es scheint. Zunächst ist die Aufnahme des 2010er Gigs ein Ereignis und das liegt daran, dass der Auftritt ein HipHop-Spektakel war/(gewesen sein muss). Zudem: die Auflösung war endgültig und das eine, einzige Schlupfloch, das es für den Organisator des 2010er Gigs gab, war laut Legende, „wenn Du ein Sinfonieorchester hinter mir auf die Bühne stellst.“

Da ja das Unwahrscheinliche zumindest einmal geschehen muss, wurde Henrik von Holtums aka Textors Wunsch erfüllt, und er musste seine Ausbildung mal richtig nutzen – über das hinaus, was eh schon seit 1996 immer wieder im Kinderzimmer-Sound präsent war. So kam es, dass der rappende Diplom-Orchesterbassist, sein geliebter DJ Quasi Modo, Jürgen der Schlachter am Schlachtzeug und ein großes Symphonieorchester HipHop eine neue Dimension verpassten.

Allein die Ouvertüre namens „Intro“, in der Plattenspieler und Schlagzeug mit dem Radio-Sinfonieorchester des ORF um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen, wo klassisches HipHop-Instrumentarium und die instrumentale Fülle des Orchesters sich umspielen, lässt staunen und nimmt gefangen. Doch dies steigert sich im Verlauf des Konzertmitschnittes auf „Gegen den Strich“ noch. Streicher, Bläser und Schlagwerke bilden ein undurchdringliches akustisches Bett, über das Textor jene Texte rappt, die schon in der Originalfassung in ihrer Qualität Ihresgleichen suchten, und beweist einmal mehr, dass auch sein Flow, seine Technik zu den besten im deutschen HipHop gehören. Wenn vom orchestralen Beat-Bett die Rede war, muss zudem erwähnt werden, dass außerdem jeder Xylophon-Anschlag, jede Flötentriole und jedes Zupfen einer Harfen-Saite hier seinen Zweck erfüllt.

Die Wärme, die instrumentale Tiefe, die Kinderzimmer-Platten in den besten (oder sogar den meisten) Momenten so speziell machten, und das außergewöhnliche, nahezu perfekte Wechselspiel von Samples, Instrumentierung und Raps, das dem zugrunde lag, werden in dieser groß orchestrierten Aufführung noch einmal übertroffen. Die symphonische Kopfkino-Untermalung erhält ihren Höhepunkt in „Das Andere“, während die Verbindung aller Elemente in „Quasi Modo Lost Control“, „Mikrophonform“ und „Wir Sind Da Wo Oben Ist“ kaum zu übertreffen ist. In letzterem Stück glänzen auch Textors Texte und Flow (subjektiv) besonders. „Nächste Station“ wiederum erklingt als Track an sich am intensivsten und beeindruckt so am meisten. Aber dies alles bleibt hinter „Get In My Uno“ zurück, in dem offenbar nicht nur Textor, sondern auch das Orchester zu improvisieren beginnt und der Hörer wirklich bedauert, nicht zu den wenigen Privilegierten im Großen Sendesaal des ORF gehört zu haben. So bleibt nur noch zu schreiben: Diese Platte ist Pflicht. Auch wenn schon immer galt, dass HipHop sich allein der Kinderzimmer wegen lohnt, setzt „Gegen Den Strich“ dahinter das Ausrufezeichen.

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