Emika – Emika

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Es kann nicht wirklich wundern, wenn in einem Jahr, das von einer Vielzahl an Alben aus dem Grenzbereich von UK-Garage und Electro (und Pop) geprägt ist, eines der stärksten aus den Reihen von Ninjatune kommt. Mehr überrascht es, wenn das Album einen ausgesprochen kontinentaleuropäischen Charme versprüht, obwohl die Künstlerin im UK geboren ist und viele Jahre in Bristol verbracht hat – der Heimat von Massive Attack, Tricky, Roni Size und Portishead. Eine Erklärung ließe sich in Emikas aktuellem Wohnsitz Berlin suchen, doch das wäre etwas einfach – obwohl vielleicht zutreffend.

Es gibt viele Gründe, warum einem der Name Emika bereits bekannt vorkommen könnte, einer der besten ist vermutlich, dass ihre Fieldrecordings im Berghain die Grundlage der umwerfenden und außergewöhnlichen Ostgut-Label-Compilation „Fünf“ waren. Als Sounddesignerin bei Native Instruments und als ausgebildete klassische Pianistin treffen bei ihr deutlicher als bei manchem ihrer Peers die technischen Dimensionen der elektronischen und der klassischen Musik aufeinander. Doch erst ihr – aus jedem Ton des selbstbetitelten Debüts sprechendes – Talent für die Verbindung von Melodie und von Harmonie mit elektronischen Effekten, Beats und Bässen macht aus ihrem Album ein so lohnendes, in seiner Unauffälligkeit so besonderes Album. Das vornehmlich eher zarte Zusammenwirken der erwähnten Bestandteile ihrer Musik, zu denen sich durchaus gewichtig ihr Gesang gesellt, macht den Reiz dieser vordergründig unspektakulären Musik aus.

Offenkundig ist, wie viel Bedeutung Emika dem Pop-Appeal ihrer Musik zumisst. In ihrem tiefsten Innern entspringen die Stücke dem klassischen Bristolsound Marke Portishead, aber diesen Klang entwickelt Emika in zwei Richtungen weiter. Einerseits verbindet sie diese leicht unterkühlte, eindringliche und vor allem intensive Musik eben mit poppiger Schönheit, zum anderen aber fügt sie ihr einen vom Minimaltechno entlehnten Beat hinzu. Der Bristolbass trifft auf sein Berliner Pendant.

In manchen Momenten (z.B. „The Long Goodbye“) mag „Emika“ arg dem Portishead’sche Songwriting ähneln, entschädigt aber, wenn das denn überhaupt ein Vorwurf sein kann, in anderen mit seiner Vision eines experimentell-elektronischen Pops („FM Attention“) oder der beeindruckenden Verschmelzung von Piano und Bass („Common Exchange“, „Drop The Other“). Wie gut das Album ist, offenbart aber eigentlich bereits die Albumeröffnung „3 Hours“, deren wummernde Bässe sofort in ihren Bann ziehen. Bässe überwältigen auch im weiteren Albumverlauf immer wieder (z.B. „Professional Loving“).

Bristol als Ursprung und Berlin als befruchtendes Moment rahmen ganz offenbar Emikas Schaffen. In diesen offenen Grenzen, in der Interaktion mit der kreativen Vielfalt und den Traditionen dieser Orte und aus der eigenen Geschichte heraus entsteht ihr Debütalbum als kleine, feine Platte. Es ist weniger offenkundig aufregend als die Tracks manch eines ihrer Zeitgenossen, vermag jedoch vermutlich langfristig mehr zu binden.

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