Uphill Racer – How It Feels To Find There’s More

am

Oliver Lichtl, der Uphill Racer, präsentiert auf seinem vierten Album eine Sammlung von sechzehn atmosphärischen indietronischen Kleinoden. Unterstützt von fünfzehn verschiedenen Sängern – darunter Karo, Aydo Abay, Chris Neuburger und Betty Mugler – schafft er nahezu perfekte Schönheiten, intensiv harmonische Indiepop-Songs fast ohne jeden Makel. Sicherlich in hohem Maße inspiriert von Weilheim’schen Klangwelten aus dem weiteren Notwist-Kosmos vermag es Uphill Racer jedoch nicht, auf die gesamte Albumdauer zu fesseln. In all seiner Schönheit fehlt „How It Feels To Find There’s More“ genau das kleine bisschen Mehr, das Extra, das aus einem netten Album ein wirklich gutes, ein begeisterndes macht. In all der leicht verschrobenen Makellosigkeit der Songs fehlt der Gesamtheit des Albums ein Spannungsbogen. Zwar vermögen die Stücke jeweils einzeln zu überzeugen, in Gänze aber beginnt das schon nach zehn Minuten relativ harmlos an einem vorbeizuplätschern.

„How It Feels To Find There’s More“ ist wie eine sommerliche Wiese, auf der man sich gerne für einige Zeit niederlassen möchte, sich hinlegt, den Duft der Blumen genießt und in den fast wolkenlosen – ist das am Horizont ein Kamel oder doch eher ein herumtollendes Kätzchen? – Himmel starrt. Aber nach einigen Minuten schon gibt es nur noch die Wahl, einzuschlafen oder sich wieder auf den Weg zu machen. Die ambiente, unauffällige Atmosphäre des Albums beruht unter Umständen vor allem auf zwei Dingen.

Zum einen hat man diese Art der Arrangements so und überzeugender in den letzten zehn Jahren relativ häufig gehört, sei es von The Notwist, von Slut, von Sometree… Diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen. So ist zum Beispiel „Bones“ natürlich ein gelungenes Stück orchestrierten und elektronisch verzierten Indiepops, aber mehr lässt sich kaum anmerken. „Kite“ wiederum vermag zwar kurzfristig für die ersten Takte zu euphorisieren, aber dann stellt sich ein Gefühl ein, das sei doch altbekannt.

Zum anderen passen sich die Sänger und Sängerinnen zu perfekt Lichtls Arrangements an, selten hebt sich ihr Gesang ab. Zudem ähneln sich die Stimmen und ihr Gesangsstil häufig. Den Songs einen eigenen Charakter verleihen eigentlich nur Aydo Abay (von Ken), Chris Neuburger (von Slut), Shara Worden (von My Brightest Diamond) sowie Kristof Deneus. Abay und der sphärisch minimale Indie-Electro „The Automatic Function“ besitzen dabei unter den Stücken noch mit den meisten eigenen Charakter, wogegen „Lightspeed“ eben tatsächlich von Slut sein könnte und „Overfrail“ in seiner flirrenden Geisterhaftigkeit fast ausschließlich von Wordens Gesang lebt. Unter den vordergründig – und in den Hintergrund vorzudringen kostet eine gehörige Anstrengung – gleichklingenden Stimmen und Stücken überzeugt besonders „Heaven Knows I Did My Best“ vor allem aufgrund seiner himmelsstürmenden Harmonien, seiner beschwingten Melancholie, die aber vermutliche Iiris Viljanen, Betty Mugler, Judith Heusch oder Karo ebenso gut hätten einfangen können, wie es Amanda Rogers tut. In ähnlicher Weise ließe sich „Your New Brother“ abhandeln. Etwas mehr Aufmerksamkeit verdient das von Kristof Deneus vorgetragene „Gone With Eastern Winds“, welches eines der wenigen Stücke ist, die im letzten Albumdrittel noch vermögen, die Aufmerksamkeit zu fesseln. Dies liegt vor allem an der vielfältigeren Inszenierung und an Deneus Gesang, der meist leicht abwesend erscheint, sich aber in den entscheidenden Momenten genau an den Hörer richtet.

Uphill Racer aka Oliver Lichtl komponiert und arrangiert sich auf „How It Feels To Find There’s More“ einmal quer durch den – nicht zuletzt deutschen – elektro- und/oder folk-inspirierten Indiepop. In dieser Weise schafft er zielsicher ein Album ohne jeden Ausfall, aber auch ohne große Überraschungen. Nicht nur Besucher von Haldern-Pop, Immergut und Melt! wurden mit dieser Musik in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren mehr als einmal konfrontiert. Auch die fünfzehn Gesangsgäste können nicht dazu beitragen, den Eindruck zu vertreiben, dies in dieser oder ähnlicher Form schon häufig gehört zu haben. Das ist technisch perfekt, jeder Song einzeln vermag zu überzeugen, aber auf Albumlänge stellt sich vor allem ein Gefühl der Übersättigung und Langeweile ein.

Advertisements