Ricardo Villalobos And Max Loderbauer – Re: ECM

Ricardo Villalobos und Max Loderbauer bestätigen in ihren begleitenden Äußerungen zum Album „Re: ECM“ jeden der Geek-Witze, die über Hörer und Sammler von auf dem Münchner Label ECM erscheinenden Alben gemacht werden. Ihre musiktheoretischen und popphilosophischen Darlegungen bedienen unbedingt jedes Klischee, wie sie auch im Jahr 2011 noch in den popmusikalischen Medien transportiert werden. Allerdings würde es sich vermutlich durchaus lohnen, Nerd-Witze über die elektronischen Experimentalclubber von Villalobos über Craig bis von Oswald zu reißen.

Es macht Sinn, hier noch einmal zu wiederholen, dass Villalobos‘ Auseinandersetzung mit ECM damit begann, Arvo Pärts „Tabula Rasa“ in seine Sets einzubauen. Hört man dieses Stück – eine Aufnahme aus dem Jahr 1977, veröffentlicht 1984 – wieder, so ist von vornherein klar, Villalobos und Loderbauer können diese intensive Atmosphäre und Qualität nicht erreichen.

Die kongeniale Zusammenwirkung der Einzelteile aus ECM’schen Produktionen des Jazz, der Klassik und der Neuen Musik mit den elektronischen Fähigkeiten Loderbauers und Villalobos sind es, die aus „Re: ECM“ ein ausgesprochen faszinierendes und emotional vielschichtiges Doppelalbum machen. Die Rekompositionen auf der Platte leben davon, dass die beiden Elektroniker aus den Originalproduktionen Elemente gewählt haben, in denen einzelne Instrumente – und hier seien Vokalaufnahmen als Instrument interpretiert – vereinzelt auftreten. Nicht zuletzt hierdurch und durch den offensiven Einsatz von Pausen oder Leerstellen gelingt es ihnen, ihren elektronischen Experimenten eine ungemeine Räumlichkeit zu verleihen. Dieser Raum, also der Aufnahmeraum, spielt auf ECM-Platten immer wieder eine große Rolle (z.B. in Jan Garbareks Kooperationen mit dem Hilliard Ensemble oder auch Ambrose Fields „Being Dufay“ mit John Potter). Die vom Ansatz her eher zweidimensionalen, ambienten Entwürfe auf „Re: ECM“ erhalten so eine besondere Nähe zu den ursprünglichen Klangwelten.

Die vielfachen elektronischen Antworten auf das Thema ECM finden hier in zwei Formen statt. Einmal übernimmt der Synthesizer tatsächlich die Kontrolle, ein andermal stellt er nur das Spalier zur Verfügung, durch das die Schleifen der Originalaufnahmen schreiten. Immer aber beruht die Wirkung der Stücke in allererster Linie auf der Atmosphäre, der Intensität, die bereits das Ursprungsmaterial enthält. Selten ist hier etwas unbedingt beatorientiert, auch wenn manchmal die Rhythmik die Kontrolle übernimmt. Zumeist konzentrieren die Stücke sich auf die Schaffung von atmosphärischen Landschaften, deren Interpretation bei jedem Hörer andere Emotionen auslösen dürfte. Während die erste CD streckenweise von einer gewissen Leere geprägt scheint, dominiert die zweite CD eine latent gespenstische, eine beängstigende, bedrohliche Stimmung.

Man kann die Aussagen der beiden Elektroniker zum Album streckenweise durchaus als philosophasternd empfinden, in der Diskussion um die Verbindung funktionaler Elektronik für den Club und den „lebendigen Texturen“ der ECM-Produktionen jedoch betonen sie zutreffend die außerordentliche Wechselwirkung der körperlichen Energie elektronischer Rhythmen und der Emotionalität der bewussten Auseinandersetzung mit akustischer, räumlich ausgedehnter Musik. Das Bild der „Menschen mit aufgeklappten Köpfen“ erfasst gut die Reaktion, die aus der Interaktion von Beat und Hochkultur entspringen vermag. Hierbei steht „ECM“ vornehmlich als Platzhalter, denn den gleichen Erfolg erreichen Jimi Tenor, Moritz von Oswald und Carl Craig oder auch Francesco Tristano in unterschiedlichen Zusammenhängen. In dieser Linie gelingt „Re: ECM“ als sowohl wohlklingendes wie auch technisch interessantes Werk.

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