Lady Gaga – Born This Way

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Niemand hat es in den letzten drei Jahren so verstanden, die Klaviatur des Pop zu bedienen, wie Stefani Joanne Angelina Germanotta. Die 25jährige hat wieder ins Bewusstsein gerufen, dass Pop eben mehr ist oder mehr sein kann als bloß Musik. In der Geschichte des Rock schadete es noch nie, wenn zur Musik auch ein Maß Provokation bzw. die Fähigkeit gehörte, eine emotionale Reaktion hervorzurufen. So besteht denn das Phänomen Lady Gaga aus zwei Komponenten. Einerseits ist da die Musik, um die es hier gehen soll, und andererseits ist da das Kunstwerk Gaga, das Modische, Visuelle, Zwittrige. So gibt es immer auch zwei Bezugssysteme, einmal Kylie, Madonna, Britney und Rihanna, und andererseits Scooter, Rammstein, Slipknot und Marilyn Manson. Beides zusammen – und ein Sonderangebot bei amazon.com – sorgt dafür, dass sich „Born This Way“ in den Vereinigten Staaten innerhalb einer Woche über eine Million Mal verkaufte.

Der Vorgänger „The Fame“ und seine Fortsetzung „The Fame Monster“ in ihrer Verbindung von Trash, Dance, Pop, Electro und Rock, aus Abba, Madonna, Prodigy, Culture Beat und Michael Jackson funktionierte als Fortsetzung, als Weiterentwicklung, oder gar als Perfektionierung der fortschreitenden Zersetzung von Genregrenzen im Pop. Die Zielgruppen wurden quer durch die sexuellen und musikalischen Orientierungen angesprochen. Die Energie der Tracks, die Catchyness der Melodien und Germanottas doch eigenes Organ überzeugten selbst Menschen, die absolut nicht überzeugt werden wollten. „Born This Way“ setzt genau an dieser Stelle an, fokussiert etwas mehr noch die Queerness, die trashig-energetischen Beats und die zu Ohrwürmern taugenden Melodien. Die Platte gelingt aber dennoch einen Ticken schlechter als der Vorgänger. Wer also auf eine wirklich kreative Poprevolution hoffte, wird enttäuscht, wer den bastardisierten Pop der 2010er Jahre in Perfektion erleben möchte, ist genau richtig, und kann im Weiteren auf jedes Album einer Ke$ha, Natalia Kills oder Britney verzichten. Das heißt, die Vorabsingles „Judas“ und „Born This Way“ zeigen zutreffend, was vom Album erwartet werden kann. Allerdings gibt es durchaus Momente, die mehr als einfach nur überraschen, die aufhorchen lassen, die begeistern. Diese Augenblicke sind es, die Gagas Regentschaft über den Pop bestätigen. Da sind einmal die Underworld’schen Rave-Techno-Elemente wie in „Scheiße“, und vor allem gibt es diese Pop-Saxophon-Einsätze in „Hair“ oder „The Edge Of Glory“, die Lady Gagas zeitgemäßen Eurodance-Entwurf in Verbindung setzen zu 1980er Jahre Pop oder Bruce Springsteen’schem Songwriting. In ähnlicher Weise verblüffen die Einbindung von Musicalmelodien, die selbstverständliche Vereinigung von trashiger Clubästhetik und kitschigem Musiktheater. So funktioniert der Sound von Lady Gaga hier wie auf dem Vorgänger aufgrund des Gespürs für zupackende Hooks und die Fähigkeit, eine musikalische Küchenmaschine zu bedienen – in die Kylie, Abba, Madonna, Culture Beat, ZZ Top, Michael Jackson, Bruce Springsteen und mancher mehr hineingestopft wurden. Über weite Strecken (eigentlich das ganze Album abzüglich der Kid-Rock-Nummer „Yoü And I“) wird die durch den Wolf gedrehte Musikmasse aber in solch gelungener Weise weiterverarbeitet, dass der auditive Genuss dieser Pop-tarts und Beat-Hackbrötchen durchaus wohlschmeckt.

Ein üblicher Fehler der letzten Jahre war es, Stefani Germanottas Alter Ego Lady Gaga als Kämpferin gegen den formelhaften Pop zu sehen. Führte man diesen Gedanken weiter, wäre „Born This Way“ ein Selbstermächtigungsalbum eines Nerds, eines Geeks, eines unterdrückten Charakters gegen die Zwänge der Gesellschaft, das heißt also ein Werk, das bisher nicht mit den Mitteln des Pop möglich schien, sondern nur mit den Mitteln des Independent. Das ist natürlich kompletter Blödsinn, die vierzehn Stücke auf „Born This Way“ sind keine Protestsongs, aber es macht Spaß, sich auf diese Überinterpretationen einzulassen. Aber auch ohne solche Gedankenspiele macht „Born This Way“ Spaß, bietet Gagas zweites reguläres Album eine Essenz des Pop ohne zu viele Nebengeschmäcker und verbindet sie mit einem immer noch interessanten stilistischen Konzept.

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