Drake – Take Care

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Zu welchem Zeitpunkt war eigentlich abzusehen, dass Pitchfork und andere Medien im Jahr 2011 R’n’B zum neuen „Indie“-Hype erheben würden? War es erst mit The Weeknds „House Of Balloons“ klar oder wurde es bereits in der Jahresvorschau angekündigt? Eine dritte Frage ist: Ist die Sau namens R’n’B damit geschlachtet oder wird sie auch 2012 noch durchs globale Dorf gejagt werden? Wie dem auch sei, einer der am häufigsten in diesem Zusammenhang fallende Name ist der von Aubrey Graham (aka Drake). Dessen zweites Album erscheint nun dieser Tage auf Dwayne Carters (aka Lil Waynes) Label Young Money.

„Take Care“ gelingt dabei als Album, das man ebenso gut verreißen wie in den Himmel loben könnte und am Ende potentiell beides in einer Besprechung tut. Allerdings widmet man der Platte damit viel mehr Aufmerksamkeit, als sie verdient, denn von vornherein kann festgestellt werden, dass „Take Care“ nicht viel mehr ist als alter Wein in neuen Schläuchen – und zum Teil ganz schön saurer Wein. Einerseits perfektionieren Drake und seine Produzenten hier jene Art von R’n’B und HipHop, wie ihn auch Lil Wayne präsentiert und wie ihn Kanye West (scheinbar) kreativ erweitert. So ist dann teilweise nicht wirklich zu unterscheiden, ob jetzt Drake rappt oder nicht doch eigentlich sein Boss Lil Wayne das Mikro hält. Drakes Gesang wiederum überzeugt umso mehr, je weniger verfremdet er ist und je weniger er rappt. Wo das Waynisierte der Tracks schon durchaus abwertend wirken kann, ist der Inhalt der Lyrics an vielen Stellen jenseits von Gut und Böse. Während Drake musikalisch eindeutig auch ein indie- und electro-affines Publikum ansprechen möchte, verliert das Album sich in seinen Texten in eben jener idiotischen, streckenweise hypersexualisierten „Ghetto-Junge-ist-reich-geworden“-Soße, wie sie weite Bereiche des R’n’B nicht erst seit Ende der 1990er unhörbar macht. Ja, Bitches, Nigger, Fucking und Brust-OPs gehören zum R‘n’B und lassen sich gelegentlich leicht ignorieren. Allerdings steht das textliche Niveau in solch krassem Gegensatz zur musikalisch gelegentlich sogar mehr als gelungenen Qualität, dass der Genuss phasenweise in komplette Ablehnung umschlägt. Ähnlich wenig passen die auftauchenden Bezüge zu Aaliyah und Gil Scott-Heron zu den lyrischen Ergüssen. Wo beides und vor allem letzteres wohl als Ehrerweisung gemeint ist, wirkt es doch eher, als solle deren Glanz dem eigenen dienen. Im Fall Scott-Herons kann sogar der Eindruck aufkommen, Drake wolle sich als dessen Nachfolger gebären.

An dieser Stelle ließe sich abschließen und das Album als unterirdischer Mist deklarieren. Dummerweise ist „Take Care“ musikalisch durchaus gut. Die Wayne’schen und Kanye’schen R’n’B-Visionen zu perfektionieren, gelingt in nicht geringem Umfang. Manchmal ist es zwar bloß eine unspannende Neuauflage deren Schaffens, käsiger Soulschmalz oder einfach belanglos, aber in der Mehrheit handelt es sich zumindest um kleine oder größere Hits. „Make Me Proud“ ist trotz nervigen Nicki-Minaj-Features ein Ohrwurm, und auch „Doing It Wrong“ ist ein synthetischer R’n’B-Hit. Ähnlich unwiderstehlich schließt „The Ride“ das Album als soulig perkussiver R’n’B voller Seele – dank der Background Vocals und trotz Drakes Lyrics.

Wirklich beeindruckend ist das erste Albumdrittel. Seien es die sanften, leicht verzerrten Piano-Minimalismen im albumeröffnenden „Over My Dead Body“, die Verbindung von Synth, leichter Perkussion und schwerfälligen, tropfenden Bässen in „Shot For Me“ oder das latent behexte „Crew Love“, so viel Magie war in R’n’B-Instrumentals lang nicht mehr zu hören. „Take Care“ wiederum kann gar nicht verlieren, ist es doch eine Interpolation um Gil Scott-Herons „I’ll Take Care Of You“, die zudem gelingt – zumindest weitgehend. Auch das epische „Marvin’s Room“ ist ausgesprochen gelungen arrangiert, wozu nicht nur die zarten Bässe beitragen.

Trotz des phasenweisen Schwachsinns der Albumlyrics gelingt „Take Care“ als gutes Album, das in Momenten grandios ist und in weiten Strecken zumindest den Ohren schmeichelt. Die Lyrics wiederum „kill it“, aber nicht im Positiven. Wären sie zu ignorieren, würde das Album vielleicht einen Mehrwert jenseits der üblichen R’n’B-Soße besitzen, so aber ist es zwar für die Zielgruppe kurzfristig interessant, aber sicher nichts was dauerhaft gehört oder worüber man langfristig sprechen wird.

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