BLNRB – Welcome to the madhouse

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Wenn eine deutsche Kulturinstitution (die Goethe-Institute) eine Reihe Berliner Electromusiker (Gebrüder Teichmann, Modeselektor, Jahcoozi) nach Afrika (genauer: Nairobi) schifft, um dort mit lokalen Musikern zu jammen, lässt sich befürchten, es könnte in einer einseitigen Lehrstunde enden. Natürlich stehen gerade Künstler wie die Teichmanns, Modeselektor und Jahcoozi für eine multikulturelle Offenheit, so dass diese Einseitigkeit eher unwahrscheinlich ist. Tatsächlich ist die formulierte Sorge somit auch unbegründet. Dennoch mangelt es „Welcome To The Madhouse“ an etwas. Aber selbst dieses – noch zu klärende – fehlende Element ändert nichts daran, dass die kenianischen Rapper, Sänger und Musiker und die deutsche Beatschmiede zusammen als BLNRB ein ausgesprochen kurzweiliges Album zwischen Rap, Ghettotech, Dub und Dancehall vorlegen.

Der Flow der Raps schwankt hier zwischen 2000er Billig-HipHop, Oldschool-Hardcore und deepem Dancehalltoasten und wird ergänzt durch Soul und Afropop. Diese Vielfalt macht nicht zuletzt den Reiz der Platte aus. Die Beats wiederum reichen von pumpenden Dancehalltunes, deren Bässe zwar nicht frisch, aber zeitlos sind bis hin zu Standard-Berlin-Electro. Techno-Anleihen und Electrosoul füllen letzte stilistische Lücken. Natürlich könnte man formulieren, ein bestimmter Electroklang besitze inzwischen globale Gültigkeit und diese Zuordnung nach Berlin sei überflüssig. Hier offenbart sich nichtsdestotrotz oben angesprochener Mangel. Vielleicht ist es ein post-kolonialer Romantizismus, aber ein gewisses NRB-Lokalkolorit, das in den Vocals natürlich vorhanden ist, hätte man schon auch in den Beats erwartet. So aber klingt „Welcome To The Madhouse“, als hätte es in Kingston, Santa Cruz, Sao Paulo, Melbourne, Delhi, Moskau, Hongkong, Vancouver oder Oakland entstehen können.

Packt man die überhöhten Erwartungen zur Seite, bleibt festzustellen, dass „BLNRB Welcome To The Madhouse“ ganz große Unterhaltung ist. Die Platte offenbart das bewundernswerte Talent der kenianischen MCs, zuvorderst Ukoo Flani, Massai Mbilli, Necessary Noize und Nazizi, und muss zudem als weiterer Stein in den Ruhmesmauern Modeselektors, aber insbesondere der Gebrüder Teichmann und Jahcoozis gelten. Seien es der bouncende Sci-Fi-Soundtrack-Beat von „Dirty Laundry“, die Urgewalt der Bässe in „Msoto Millions“ oder der elektronische HipHop-Geniestreich namens „Very Necessary“, gleich zu Beginn stellt die Deutsch-Kenianische Kooperation klar, dass hier Großes zu erwarten ist. „Room For Me“ zeigt, dass elektronischer Partyrock so viel besser sein kann als aus Guettas Feder, und „Ma Bhoom Bhoom Bhoom“ gehört als Afrodubtech sicher zu den großen Tracks des Jahres 2011. Auch wenn Modeselektor eher kurz kommen, liefern sie mit dem schwankenden Electro-Track „Kibera Benga“ eines der Highlights der Platte. Der Albumabschluss gehört gleich zweimal Ukoo Flani. Während Jahcoozi und Robot Koch ihm in „Zamaney“ einen träumerischen, träge pumpenden und stolpernden Bassmusik-Beat verpassen, toastet er im „Whateverman Dub“ über ein minimal dubbiges atmosphärisches Grundgerüst der Gebrüder Teichmann.

Auch wenn „Welcome To The Madhouse“ gelegentlich wie ein Ruf aus der Vergangenheit des Dancehall und der elektronischen Musik wirkt, gelingt den Mitwirkenden ein immer spannendes und streckenweise gar faszinierendes und großartiges Album. Entgegen ihrer Produktionsbedingungen erscheint es als organische Platte eines kongenialen Musikerkollektivs.

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