The Unthanks – Last

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Auch zu „Last”, dem neuesten Album der Unthanks, drängt sich die Feststellung auf, dass Rachel und Becky Unthank reine Interpreten sind. In der Tat beschreibt Unthanks-Musiker Adrian McNally die beiden Schwestern exakt so und fügt hinzu, die beiden Geschichtenerzählerinnen meinten nun einmal, alles, was sie der Welt mitzuteilen hätten, sei in der Musikgeschichte schon einmal perfekt in Text und Melodie gefasst worden. Somit ist das Anliegen der Unthanks, diese unter Umständen nahezu vergessenen Botschaften aufzuspüren und der Welt wieder zugänglich zu machen und dies in einer Art zu tun, welche die Menschen anspricht.

So findet sich denn neben den für The Unthanks typischen Traditionals und Coverversionen – unter anderem von Stücken von Tom Waits und King Crimson – nur ein Stück aus der Feder eines The-Unthanks-Mitglieds, nämlich der von Multiinstrumentalist Adrian McNally. Somit bleiben The Unthanks ihrer Linie treu und sowohl im Pub und dem klassischen Konzertsaal heimisch. Beckys und Rachels Gesang steht im Zentrum der Stücke, mal kräftig, mal verletzlich zart, und wird von vornehmlich folktypischen Instrumenten eher sanft und unauffällig untermalt und getragen.

Auch die Arrangements geben sich einmal vornehmlich traditionell folkloristisch (zum Beispiel im getragenen „Canny Hobbie Elliott“), andernorts minimalistisch Kunstliedern ähnlich und nochmal woanders einfach poppig. Zu den rein folkigen Stücken gehört weiterhin das leicht walzernde „My Laddie Sits Ower Late Up“. Tom Waits‘ „No One Knows I’m Gone“ bezaubert in seiner einfachen Klarheit und wird von den Unthanks würdig vorgetragen. Ob ihre Interpretation von King Crimsons „Starless“ gelungen ist, liegt im Ohr des Hörers, aber so wie McNally ebenso viel an King Crimson mag, wie er nicht mag, lässt sich wohl bezüglich dieser „Starless“-Version formulieren, dass Unthank-Gesang, Klavier, Trompete und Streicher der Atmosphäre des Stückes in vielen Momenten gerecht werden, in mancher Feinheit der Inszenierung aber die nötige Spannung vermissen lassen. Dies gilt auch für das abschließende, bedrückende „Close The Coalhouse Door“, dessen düstere Intensität, dessen latenter Psychoterror zwar eingefangen wird, aber nicht über sieben Minuten aufrecht erhalten werden kann. Unter den langen Stücken überzeugt am meisten und erscheint am geschlossensten McNallys „Last“. Es offenbart ein beeindruckendes Talent, einer einfachen Pianoballade die nötige Spannung zu geben, die sie weit über die übliche Dauer einer Popballade trägt.

Die Essenz des Unthanks’schen Schaffens dürfte die Fähigkeit sein, traditionelle Weisen zu ungemein berührenden, intensiven Stücken auszubauen und umzuarrangieren. Ein Beispiel hierfür ist das spektakuläre „The Gallowgate Lad“. Dessen Intensität zehrt vornehmlich aus dem spannungsgeladenen Wechsel aus Mit- und Gegeneinander von Klavier und Becky Unthanks Gesang. Dieses essentiell Unthank’sche verdeutlicht auf „Last“ aber am besten „Queen Of Hearts“. Zudem macht das sehr im heutigen angesiedelte Arrangement aus vornehmlich Klavier und Drums neugierig, wie das Stück in seiner ursprünglichen für verschiedene traditionelle Flöten angelegten Form klingt.

Vermutlich mag nicht jeder mit den Interpretationen der Unthanks warm werden, und tatsächlich wirkt manches auf „Last“ zunächst unterkühlt. Dies liegt nicht zuletzt am langsamen, fast trägen und dennoch ungemein fassenden „Gan To The Kye“ zu Beginn. The Unthanks machen es uns so nicht leicht, ihr neues Album sofort zu mögen. Vielleicht ist dies ihr Anliegen: sie versuchen, uns zu zwingen, uns intensiver mit ihrer Arbeit auseinanderzusetzen.

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