Boxcutter – The Dissolve

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Während Pitchfork.com Anfang Mai über den Mangel an passenden Namen für all das philosophiert, was nach dem Dubstep ist, veröffentlicht Boxcutter sein Album „The Dissolve“ auf Planet Mu. Am gleichen Ort beheimatet entführte Chrissy Murderbot die Bassmusik zurück in Richtung Jungle und nach vorne in Richtung Juke. Barry Lynn (aka Boxcutter) wählt einen ganz anderen Weg.

Lynns Post-Dubstep-Entwurf weist mehr oder weniger tief in die Vergangenheit. Zwischen Funk, Jazz, R’n’B und dubbigen Steprhythmen entwickelt er eine Musik, die vielseitig und doch homogen ist und im Grunde am ehesten als triphoppiger Dancefloorjazz zu bezeichnen ist.

In „Passerby“ und „TV-Troubles“ finden sich sterile TV-Soundtrack-Funk-Elemente auf dem Dancefloor ein, wobei insbesondere „TV-Troubles“ als gelungen zu bezeichnen ist und aus diesen Elementen eine treibende, atmosphärisch dichte Miniatur entstehen lässt. Der Titeltrack wiederum wälzt sich in bester Animal-Collective-Manier durch eine elektronisch verzerrte Dreampop-Landschaft und gelangt mit den latent funkigen Beatakzenten gegen Ende doch wieder beim chilligen Tanzflächenjazz an.

Auf „Dissolve“ fallen vor allem jene Tracks auf, die aus dem beschriebenen Dancefloorjazz-Klang ausbrechen; „Cold War“ gehört dazu. Basslastig und irgendwo zwischen wonky HipHop und Dubstep angesiedelt treibt er Schweiß auf die Stirn, kalten Angstschweiß, und nimmt in seiner hypnotisch-trägen Inszenierung vollkommen gefangen. Ebenfalls aus dem (losen) Rahmen fällt das bereits als 12 Inch veröffentlichte „Moon Pupils“. Der tief im Hintergrund steppende Beat setzt den Körper in Bewegung. Während die Struktur des Beats durchaus nicht neu ist – sondern tief in den Traditionen britischer Bassmusik wurzelt –, weist die Art, wie er in flächige Synthmelodien eingeflochten ist, doch nach vorn. Darauf aufbauend zwingt „Factory Setting“ in all seiner Bassintensität und mit seinen schrillen Beats endgültig zur Bewegung. Die ganze Historie – Dancehall, Jungle, Dubstep – gibt sich im zerstreuten „Allele“ die Ehre, das einerseits fasziniert und andererseits nervt.

Auch in diesen – doch offenbar eher häufigen – Ausbrüchen aus der Grundstruktur scheint ein 1990er Jahre Triphop-geschulter Dancefloorjazz durch. Verwendete Synthesizer und latent jazzige Rhythmusstrukturen weisen immer wieder in diese Richtung. In gleicher Weise unterkühlt jazzig lässt Boxcutter sogar House erklingen („Topsoil“).

In jedem der Arrangements auf – dem tatsächlich zerfließenden und zerfasernden Album – „The Dissolve“ dringt eine gewisse unterkühlt industrielle Stimmung durch. Dies eint das Album vielleicht mehr noch als die verwendeten Bässe mit seinem Ursprung im Dubstep. Dass Boxcutter es ernst damit meint, das Genre in Richtung Funk und Jazz zu zerren, beweist er endgültig im abschließenden R’n’B-Space-Funk „Ufonik“. „The Dissolve“ ist nicht nur in seiner Heterogenität problematisch, zudem erscheint manches doch arg seicht und als sei es lieber in der musikhistorischen Krabbelkiste geblieben. Das macht das Album nicht schlecht, aber es zwingt immer mal wieder im Albumverlauf zur Frage: „Tut datt Not?“.

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