Bill Wells & Aidan Moffat – Everything’s Getting Older

am

Wenn Jazz-Autodidakt Bill Wells und Whiskey-Folk-Grummler Aidan Moffat ein Album zusammen produzieren, ist schwer abzuschätzen, was am Ende daraus hervorgeht. Umso erstaunlicher ist, wie wenig das Ergebnis im Wissen um Moffats Schaffen überrascht – vor allem das seiner Band Aidan Moffat & the Best Ofs. Andererseits entstand deren letztes Album im Grunde parallel zu Wells und Moffats „Everything’s Getting Older“, das mehr oder weniger seit 2003 produziert wurde.

Natürlich bringt Wells eine eher jazzorientierte Rhythmik ein, doch im Kombination mit Moffats Vocals – egal ob gesungen oder als Spoken-Word-Vortrag – nimmt dies schnell einen Barjazz-Charakter an. Diese beiläufige Seichtheit würde generell als negative Beschreibung erscheinen, gelingt auf der Kooperation der beiden Schotten jedoch als durchaus fesselnd, amüsant und in vielerlei Hinsicht interessant. Einerseits schafft Multiinstrumentalist Wells es tatsächlich, harmonisch und rhythmisch subtil Akzente zu setzen, die überraschen, die aufhorchen lassen, im Gedächtnis bleiben. Seien es Funk oder Free-Jazz, experimentell Ambientes oder harmonisch Swingendes, Wells Einfluss auf das Album ist hintergründig, aber wichtig. Andererseits ist Aidan Moffats Vortrag, seine Stimme, seine Betonung von Texten – nicht zuletzt Dank seines „Glaswegian“ Akzents – ein Ereignis. Mit diesem seinem Vortrag lenkt er zudem geschickt die Aufmerksamkeit des Hörers auf die vorgetragene Lyrik. Da er seine textende Aufmerksamkeit vom Sex hin zur Liebe und – wie der Albumtitel schon vermuten lässt – dem Altern verschoben hat, bekommen diese Texte auch eine neue Attraktivität.

Egal, wie weit sich die Gesamtheit eines Arrangements auf „Everything’s Getting Older“ von Moffats regulärem Schaffen unterscheidet, alle Stücke besitzen einen gewissen Reiz. Es ließe sich vermutlich streiten, ob die harmonisch orientierten Stücke, die von eher simplen Klavierklängen begleitet werden (z. B. das nahezu perfekte „The Sadness In Your Life Will Slowly Fade“, das leicht angekitschte „Tasogare“ zu Beginn oder auch „Let’s Stop Here“) zum Besten des Albums gehören, oder ob nicht doch jene Stücke am meisten überzeugen, in denen Bill Wells das Ruder des Arrangements offenbar ganz an sich genommen hat. Dazu würde „Cages“ gehören, in denen Moffats fast schläfriger Vortrag über hektischen Rhythmuselementen ruht, ein Stilmittel, das variiert bereits die erste Single aus dem Jahr 2003 nutzte („(If You) Keep Me In Your Heart“) und dessen multiinstrumentales Arrangement, das aus Bläsern, Streichern, Klavier und Percussion zehrt, zudem so effektiv ist, dass es in Momenten sprachlos hinterlässt. Zu den weniger melodisch, sondern eher rhythmisch beeindruckenden Stücken zählt ebenfalls die Jazz-Miniatur „A Short Song To The Moon“. Besonders erwähnenswert in diesem Kontext sind aber „Glasgow Jubilee“ und die experimentelle Spoken-Word-Nummer „Dinner Time“ in all ihrer bedrohlichen Intensität. Vielleicht ließe sich darauf einigen, dass ganz sicher „The Greatest Story Ever Told“ als sowohl perkussiv akzentuiertes Stück wie als melancholische, schottische Perle zu den Höhepunkten des Albums gehört. Egal wie dem sei, ist es weniger so, dass „Everything’s Getting Older“ begeistert, als dass es vielmehr interessiert und fasziniert und in seinen Bann zieht.

Advertisements