Tim Hecker – Ravedeath 1972

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Auf seinem dritten Album auf Kranky bemüht sich Tim Hecker, Musik zu abstrahieren. Basierend auf Orgelaufnahmen, die im Juli 2010 auf Island entstanden, ist die eigentliche Hauptarbeit die Bearbeitung im Studio gewesen. Hecker verfremdet die ursprünglichen Aufnahmen, verallgemeinert sie, macht sie unanschaulicher. Immer wieder dringen zwar die Orgelmelodien durch das sie umlagernde Bett, aber dies entspringt einer scheinbaren Zufälligkeit. Im Kern besteht das Album aus zwölf einzelnen Drones – jenem Klang, für das es im Deutschen keinen wirklich adäquaten Begriff gibt. Dieses neunfache Dröhnen allerdings wird moduliert und variiert, bis es eine eigene, nahezu unendlich verlangsamte Melodie bekommt. Im Wechselspiel zwischen den modifizierten und den originären Aufnahmen entwickelt „Ravedeath, 1972“ seine Spannung, seine Faszination und seine unkonkrete Schönheit.

Das Wummern und Vibrieren, das die Stücke durchdringt, erzeugt eine wenig greifbare Stimmung. Zwar geben die drei Teile von „In The Fog“ tatsächlich den Eindruck einer schwer durchdringbaren Wolke aus Klang oder den eines zähen Fluids, durch das nicht hindurchgeschaut oder -gehört werden kann; den Charakter der Stücke oder des Albums als ganzem zu fassen, ist dennoch eher schwierig. Im Gegensatz zum Triptychon „In The Fog“ ist der andere Dreiteiler „In The Air“, der das Album beschließt, fast erhebend, schwerelos ätherisch. An anderen Stellen wiederum klingt „Ravedeath, 1972“ geradezu zerstörerisch, wenn auch auf eine nahezu absurd meditative Art. Die verzögerte Melodik der Drones, wie auch die der anfänglichen Orgel klingen als erschallten sie aus einem Abrisshaus heraus, gefiltert durch Industriekrach oder als ferne Idee von Musik im Rauschen eines großstädtischen Molochs. An einer Hauptverkehrsstraße, in einem schlecht schallisolierten Haus wohnend kann der Verkehrslärm zur Gewöhnung werden. In diesem Fall werden die Fahrgeräusche der Autos zu einem dauernden Rauschen reduziert, das am Anwohner vorbeigleitet. Ähnlich lässt sich „Ravedeath, 1972“ wahrnehmen. Dann aber verpasst der Hörer die faszinierende Kleinteiligkeit des harmonisch melodiösen Dröhnen und Wummerns. Ihm entgeht in diesem Fall das Intensive, das einerseits Beängstigende und andererseits Erhebende an Stücken wie „Analog Paralysis, 1978“, „No Drums“ oder „Studio Suicide, 1980“. Nichtsdestotrotz ist Tim Heckers Album bereits im allerersten Moment eine spannende Platte, die aufhorchen lässt und die – egal ob aufmerksam, oder im Vorbei gehört – belohnt.

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