Peter Bjorn and John – Gimme Some

am

Es wäre schön, eine Besprechung eines Albums von Peter, Bjorn and John ohne den Verweis beginnen zu können, sie seien sicher das größte Indiepop-One-Hit-Wonder der letzten zehn Jahre. Aber einerseits ist der Eindruck, den besagter Hit hinterließ, gerade hierzulande zu groß, und andererseits vermögen Morén, Yttling und Eriksson auch mit „Gimme Some“ nicht an die Qualität von „Writer’s Block“ anzuschließen.

Allerdings braucht es eine ganze Weile, bis dies deutlich wird. Zu Beginn scheint es noch so, als wollten sie „Writer’s Block“ diesmal wirklich übertreffen. Gleich zu Beginn macht schon „Tomorrow Has To Wait“ klar, dass hier durchaus eine Reihe von mitreißenden, eingängigen, zum Mitpfeifen und Tanzen einladenden Hits auf uns warten könnte. Teilt man jedoch das nunmehr sechste Studioalbum der drei Schweden im Sinne einer Vinylplatte in A- und B-Seite ein, fällt die Rückseite doch ab. Dies liegt vor allem daran, dass PBJs Versuch an Punk – der auf den Namen „Black Book“ hört – schnell vergessen werden sollte und ihre Billy-Idol-Gedächtnisnummer „(Don’t Let Them) Cool Off“ auch wohlgemut ignoriert werden kann. So ist die zweite Albumhälfte schlechter hörbar, weil sie heterogener ist und ihr Beginn mit erwähnten Stücken eher anstrengt. Glücklicherweise ist dies nur eine vorübergehende Durststrecke, die jedoch den Genuss deutlich mindert. „I Know You Don’t Love Me“ beendet das Album als prinzipiell netter Indierocker mit Kraut- und Prog-Einschlägen. Zuvor ist „Lies“ eine treibende, leicht lärmige Britpop-Hymne und auch „Down Like Me“ gehört in diese – sehr große – Schublade der 1990er. Allerdings erklingt letzteres eher leicht verdreckt glitzernd im Stil von Pulp, beziehungsweise scheint einer erneuten Neuauflage des Glam zu entspringen, wie er sich zum Beispiel auf dem Velvet-Goldmine-Soundtrack findet.

Die Anstrengung der zweiten Albumhälfte wirkt umso größer, als Peter, Bjorn and John zuvor eine Sammlung absolut begeisternder Songs präsentieren. „May Seem Macabre“ ist eine quasi australisch anmutende Gitarren-Popnummer, die, obwohl vornehmlich mitreißend und „uplifting“, im Kern auch eine gewisse Melancholie aufweist. Diese Melancholie findet sich ebenfalls im verlärmten Garagen-Pop „Breaker Breaker“. Herausragend auf „Gimme Some“ ist aber das – unzweifelhaft – von Vampire Weekend inspirierte „Eyes“, das PBJs grandioses Gefühl für den perfekten Pop-Appeal mit der rhythmischen Spannung verbindet, die einer Melange aus Indiepop und Afrobeat innewohnt. Hier wie auch in „Second Chance“ verantwortet der Einsatz des Schlagzeugs und der Perkussion einen großen Anteil der Begeisterung, die beide Stücke auslösen. Sowohl „Eyes“ als auch „Second Chance“ haben das Zeug zum (Sommer-/Konsens-)Hit jenseits des Indie-Clubs oder -Festivals, und als dritter im Bunde gesellt sich hier „Dig A Little Deeper“ hinzu.

Der Pop des schwedischen Produzenten-Trios zehrt viel aus der ersten klassischen Popperiode – den 1960ern – und vertraut zudem auf im letzten Jahrzehnt vorgenommene Neuinterpretation mit modernsten Produktionsmitteln. Vor allem die ersten Stücke des Albums zeigen, dass die drei daraus eine trunken machende Mischung zusammenbrauen können, die sich tiefer ins Gehör bohrt, als es einem im Grunde lieb sein kann. Anders formuliert: es ist bekannt, dass das Wort „Ohrwurm“ für schwedischen Pop erfunden wurde, aber so groß wie bei PBJ war die Gefahr der Intoxikation selten zuvor – zumindest in der ersten Albumhälfte.

Advertisements