Lia Ices – Grown Unknown

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Tori Amos trifft Joanna Newsom. Auf diese vereinfachte Formel ließe sich die Musik von Lia Ices bringen. Während dies einerseits die Zielgruppe sofort ansprechen dürfte, würde sich der eine oder andere vielleicht auch fragen, ob er dies wirklich braucht und sich nicht lieber „Little Earth Quakes“ oder „Have One On Me“ anhören sollte. Diesen Zweiflern sei gesagt: Lia Ices‘ „Grown Unknown“ zu hören lohnt sich, es ist eine fragile Platte voller erhebender Schönheit.

Um zu überzeugen, braucht Lia Ices auch tatsächlich nicht die Mitwirkung von Justin Vernon in „Daphne“. Zudem ist „Daphne“ in seiner fast übermäßigen Instrumentierung vollkommen untypisch für „Grown Unknown“, gewinnt das Album seine Intensität doch aus dem gezielten Einsatz weniger Mittel, in deren Zentrum immer und immer wieder Lia Ices Gesang steht. So dient die leichte elektronische Verzerrung ihrer Stimme am Albumanfang auch allein dazu, die Aufmerksamkeit zu erregen. Danach reicht Ices‘ verhallte Stimme und der Liebreiz der Melodien, das geschickte Setzen einzelner Akkorde – egal ob mit Gitarre oder Klavier – und eine reduzierte, perkussive, rhythmische Akzentuierung, um in den Bann zu ziehen.

Es fällt schwer, unter den neun Stücken Höhepunkte auszumachen, so warm und intensiv erfasst einen diese Musik. Seien es das eröffnende „Love Is Won“, das langsam vor sich hin marschierende „After Is Always Before“ oder das scheinbar beim Hören in sich zusammen fallende „Bag Of Wind“, sie alle nehmen sofort gefangen. Vielleicht ist das Geheimnis der Hall, der hier auf allen Elementen der Musik liegt, aber die Stücke verströmen eine besondere Attraktivität, die ihrem simplen Charakter fast zuwider zu laufen scheint. Aber tatsächlich hat der Titeltrack besondere Reize, getragen allein von Handclaps, Lia und einer Gitarre. Auch „Little Marriage“ verdient eine gesonderte Erwähnung. Glockenspiel und latent dunkle Grundatmosphäre heben es hervor, so wie es Bläser und eine ähnliche Düsternis für „New Myth“ tun. Am Ende aber hat jeder Song seine Besonderheiten, die ihn zu einem persönlichen Highlight machen. Vielleicht heißt das auch, dass alles ähnlich ist, aber dann ist eben alles ähnlich wunderbar.

Auf Lia Ices‘ „Grown Unknown“ enttäuscht nichts und fast alles begeistert. Es ist ein Album, um es ganz tief in sich zu tragen und sich von ihm helfen zu lassen. Erwähnter Hall, Lias‘ Gesang und das Reduzierte der Arrangements zwingen zu den zu Beginn gemachten Vergleichen. Einmal klingt alles wie eine jüngere Tori Amos, ein anderes Mal wie Joanna Newsoms Zwillingsschwester, und so gut wie ein Großteil des Schaffens dieser beiden ist auch dieses Album.

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