Chuckamuck – Wild For Adventure

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Fangen wir mal vollkommen vorurteilsbeladen an: Wofür steht Berlin musikalisch? Techno und Electro, davor Aggro-Hop, davor Beatsteaks und Ärzte, Ich & Ich und Zweiraumwohnung und irgendwann auch mal die vielen genialen Dilettanten. Und woher kommen vorlaute junge Gitarrenbands, die mehr können als Punk? Aus Hamburg.

Chuckamuck legen es darauf an, die Vorurteile zur Seite zu wischen und das beste Power-Garagen-Pop-Album seit … mindestens … „Barely Legal“ der Hives vorzulegen, um gleichzeitig ihren Beat-Punk-Pop vielseitiger und hintergründiger um die Ecke zu schießen. „Verschwende Deine Jugend“ trifft hier die Hamburger Schule, macht einen Abstecher in den Starclub irgendwann 1964, um absolut zeitgemäß im Heute anzukommen. Jugendlich sorglos – außer im Liebeskummer – schrammelnd und krächzend prügeln die vier Berliner Jungspunde sich durch zwölf hochmelodiöse zukünftige Klassiker des deutschen Rockpop. Wo die großen Plattenfirmen sich in den letzten Jahren jede scheinbar tanzbare, radio-kompatible Band geschnappt haben, entging ihnen mit Chuckamuck die eine Band, die tatsächlich das Zeug hat, die „Indies“ und die Radiohörer zu vereinen, die tatsächlich eigentlich schon mal ihr MTV-Unplugged buchen kann.

Hinter dem vielleicht hässlichsten Cover seit Jahren verbirgt sich also – so viel sollte klar geworden sein – eine der besten deutschsprachigen Platten des Rock, R’n’R, Pop, Whatever seit Jahren. Ungehobelt und wild stürzen sich Oska, Jules, Lorenz und Julius hinein in das Abenteuer, in die Liebe einerseits und Sex, Zigaretten und Alkohol andererseits. Nach einem Takt schon hat die Band jeden Zweifel weggewischt, und alles, was in den letzten 12 Jahren am Garagenrock von Hives und Kollegen ausgelutscht erschien, hat plötzlich wieder einen Reiz, wenn „Eis Am Stiel“ von Anfang an in Fahrt kommt. Zwischen diesem Anfang und dem Moment, wenn „Schlaf Noch Nicht“ das Album dann voller lärmiger Melancholie beenden darf, verstecken sich zahlreiche ebenso großartige Momente. Sei es das gröhlende „Mars Mandel“, das durchgeprügelte „Outta My Way“, das treibende „Caroline“ oder der 70s Punk „Walk A Like Duck“, es rockt. Seien es der zerfallende Straßen-Rock’n’Roll „Mein Hund Und Ich“, das jugendlich freie, sehnsüchtig verliebte „Ostsee“ oder die leicht zurückgenommene, selbstverherrlichende Hymne „Chuckamuck“, es begeistert. Sei es der zärtliche, leicht folkige, deutsche Singer-Songwriter-Pop „Souvenirs“ oder das herrliche, einfach schöne „Gestern Traf Ich Dan Tracy“, das in seiner Idee nicht zuletzt von Tocotronic inspiriert wurde, Chuckamuck nehmen gefangen. Natürlich, man könnte sagen, Chuckamuck seien die dreisteste Übersetzung von Mando Diao und den Hives ins Deutsche, aber wenn die Kopie einer Kopie besser ist als das urursprüngliche Original, ist das kein Problem, sondern ein Lob.

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