Various – Bossa Nova And The Rise Of Brazilian Music In The 1960s

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„Schuld war nur der Bossa Nova“ verkündete ein deutscher Schlager in den späten 1960ern und auch Ende des 20ten Jahrhunderts ließ sich diese Formulierung auf die Dancefloorjazz-Welle anwenden, nicht zuletzt war eine der populärsten Compilations der Zeit die „Brazilectro“-Reihe. Zehn bis fünfzehn Jahre später ist die Welle weitgehend abgeflaut und der Bossa wurde eigentlich nur noch in Verbindung mit Erlend Øyes Rhythmen für das letzte Album der Kings Of Convenience erwähnt. Insofern ist es vielleicht durchaus an der Zeit, dass sich jetzt eine der großen Institutionen der historischen Plattenveröffentlichung daran macht, eine Bossa-Nova-Sammlung auf den Markt zu bringen. „Bossa Nova And The Rise Of Brazilian Music In The 1960s“ heißt das Ergebnis, und es kommt – wie für Soul Jazz Records üblich – mit einem ausführlichen Begleitbooklet, das den Umfang eines kleinen Buches erreicht. Stuart Baker und Gille Peterson wiederum garantieren für eine hohe Qualität in der Zusammenstellung der Tracks.

„Liebe, das Meer und ein Lächeln.“ Unter diesem Motto startete der Bossa Nova – inspiriert von amerikanischem Cool Jazz und den eigenen afro-brasilianischen Wurzeln – in einer Zeit des Aufbruchs, der Modernisierung und des Optimismus in Brasilien. So schnell wie die Musik in ihrer Heimat bekannt wurde, eroberte sie auch zunächst die USA und dann die Welt, um nicht nur dank Filmmusik und weltweiten Plattenkistengräbern bis heute nichts an ihrem Reiz verloren zu haben. Vor allem zeichnet die Musik jedoch ihre einzigartige Kombination aus komplexen, Jazz-geschulten Rhythmen und purer südamerikanischer Lebensfreude aus. Gitarre, Perkussion und Gesang interagieren in unvergleichlicher Weise und vereinen die Generationen.

Natürlich kommt „Bossa Nova And The Rise“ nicht ohne die üblichen Verdächtigen aus, das heißt, ohne jene Künstler, die im Fall von Sérgio Mendes bis heute die Pop-Musik beeinflussen. João Gilberto, Gilberto Gil, Sérgio Mendes finden sich hier neben vielen Künstlern, die nicht ganz so allgemein bekannt sein dürften. Positiv fällt auf, dass, außer vielleicht „Mas Que Nada“, die Standards, die auf zahlreichen Chillout-Samplern präsentiert wurden, hier eher fehlen. Auch wenn der Titel den Bossa explizit im Titel führt und er den Begleittext dominiert, steht auf der Compilation eher die Endphase der Bossa-Bewegung im Mittelpunkt, das heißt, die zweite Hälfte der 1960er Jahre, in der Musik aus Brasilien die Welt endgültig eroberte – oder eher, Musik gemacht von Brasilianern, waren doch nicht nur Mendes, Gilberto und Antônio Carlos Jobim bereits Anfang des Jahrzehnts in den USA sesshaft geworden.

Ende der 1990er – genauer 1998 – feierte Motor Music mit „A Trip To Brazil“ den 40. Geburtstag des Bossa Nova und überzeugte mit seiner Aneinanderreihung von internationalen Ohrwürmern und kurzen Notizen über die vertretenen Künstler und Stücke. Soul Jazz Records‘ „Bossa Nova And The Rise Of Brazilian Music In The 1960s“ wählt einen anderen Ausgangspunkt, bietet Überblick über die brasilianische Musik der 1960er und punktet zusätzlich durch die Label-typische, ausführliche Begleitlektüre. Wer einen solchen Einstieg in den Bossa wünscht, wird perfekt bedient, die sowieso mit der Musik Vertrauten werden diese Compilation vielleicht nicht brauchen, aber sicher genießen.

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