Isolée – Well Spent Youth

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Über den Dingen scheint Rajko Müller aka Isolée auf seinem neuen Album zu stehen. Ziemlich entrückt von allen Standards, die er oder seine Hörer anlegen könnten, präsentiert er „Well Spent Youth“, das passenderweise die erste Albumveröffentlichung auf DJ Kozes Label Pampa Records ist.

In dieser Losgelöstheit von den hergebrachten Grenzen und Dimensionen elektronischer Tanzmusik entstehen Stücke, die zu erkunden Zeit braucht, viel Zeit. Den Stücken eigen ist eine gewisse Langsamkeit, eine Verzögerung, ein Verschleppen der Elemente, so dass der Hörer den Beat, den Bass, den nächsten Effekt vielfach schon einen Moment eher erwartet als er einsetzt. So fühlt er sich dann immer wieder überrascht, wie wenig seine Erwartungen erfüllt werden, welchen (subtilen) Haken Isolée nun wieder geschlagen hat. Dieses Vorgehen ermöglicht es dem Künstler, seinen Stücken Raum zu geben, das heißt, sie nicht linear voranzutreiben oder entlang einem üblichen Gerüst zu führen, sondern sie sich frei entwickeln zu lassen. Diese Entwicklung resultiert darin, dass die Tracks gen Ende häufig wenig mehr mit ihrem Beginn zu tun haben als ihre allgemeine Atmosphäre.

Die Stimmung des Albums zu fassen, ist dabei eher schwierig. Einerseits faszinieren die Stücke in ihrer Vielfalt, in der Schichtung der Elemente, wobei sie aber gleichzeitig vordergründig eher einfach, reduziert daherkommen, ja fast langweilig erscheinen können, wenn ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit gegeben wird. Seine vielfältig analogen Klangskulpturen – die bei aller Abstraktheit doch auch eine klare funktionale Ausrichtung besitzen – wollen erkundet werden in der Tiefe der Arrangements, geben so Möglichkeit, in neue Weiten vorzudringen. Zugleich aber hat die leicht träge, analoge Klangkulisse einen potentiell einengenden Charakter, der zur Konzentration des Selbst im Hören zwingt, einer Selbstfokussierung des Hörers, die wiederum befreiend wirken kann.

Diese Befreiung verwirklicht sich insbesondere in den treibenden, den deutlicher zur Tanzfläche orientierten Stücken. So erhebt „One Box“ einen in den ersten Takten sofort und lässt einen dann auf dem warmen Teppich seiner Beats dahinschweben. Ähnlich schafft es in „Thirteen Times An Hour“ ein dominanter Beat, das durchaus anspruchsvolle Arrangement in eine hypnotische Körpererfahrung zu verwandeln. Zu den Höhepunkten des Albums zählt jedoch sicherlich zuvorderst – nicht zuletzt, weil es deutlich zugänglicher als der Großteil des Albums ist – das latent düstere und doch beschwingt hüpfende „Transmission“, das zudem als einer der wenigen Tracks auf „Well Spent Youth“ mit Vocals versehen ist, die ihm ein gewisses Alleinstellungsmerkmal geben.

Fast kein Ton auf „Well Spent Youth“ ist einfach zu erhalten, selbst die treibenden Nummern bremsen den Hörer und zwingen ihn, sich immer wieder neu zu orientieren. Wie einer der Hits des Albums, „Taktell“, Zeit zum Wachsen braucht, bedarf auch das Album als Ganzes eines Maßes an Aufmerksamkeit, das sicherlich nicht jeder ihm Zugestehen wird. Es lohnt jedoch.

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