Bibio – Mind Bokeh

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Wenn ambiente Momente auf tanzbaren Indie-Pop treffen, wenn progressive Beatkonstrukte sich mit der Wärme des Soul vereinen, wenn die Tiefe des Dubstep als zusätzliche Zutat in einem reinen Popsong auftaucht, dann ist mit großer Wahrscheinlichkeit Stephen Wilkinson unter seinem Künstlernamen Bibio am Werk. Absurde Samples, zerbrochene Beats und fehlerhafte Electronica-Entwürfe ummanteln Popsongs, die irgendwo zwischen den 1960ern, den 1970ern und den ausgehenden 1990ern pendeln. „Mind Bokeh“, Bibios neues Album, erklingt als Lieblingsradiosendung auf einem alten Kofferradio. Die Frequenz lässt sich nicht richtig einstellen, und die Geräusche der nahen Autobahn, der Schrottpresse um die Ecke und der Grillfeier der Nachbarn überlagern immer wieder die traumhafte Musik. Die Qualität der Stücke ist überdeutlich, aber sie bewusst in all ihren Teilen zu erkennen, ist fast nicht möglich.

Zwischen Funk, Soulpop, Big Beat und ambientem Kopffilmsoundtrack zeigt sich Wilkinson als Meister der wohlgelaunten Experimentierfreude. Quiet Village und Phoenix geben sich hier ein Stelldichein mit Clark und Aphex Twin. Herbie Hancock und M83 jammen mit Kool & The Gang. Wo der Vorgänger „Ambivalence Avenue“ in seiner Vielseitigkeit durchaus manchmal zu zerfransen schien, folgt auf „Mind Bokeh“ ein Hit auf den anderen. Das kann einmal leicht und locker geschehen wie im funkigen „Anything New“ oder dem latent orientalischen „Wake Up!“, das kann aber auch hinterlistig verkopft und stolpernd sein, wie das eröffnende „Excuses“ oder aber „Artists‘ Valley“. Ein potentieller Massenhit findet sich mit dem an Phoenix gemahnenden „Take Off Your Shirt“ auch, während „More Excuses“ eine simple, verschleppte Pop-Schönheit ist. Allgemein schreibt Wilkinson den Funk groß. Dies gilt sowohl in einer tanzbaren, schmutzigen Art und Weise wie auch in dessen latent kitschiger Form – z.B. in der karibischen Eiswerbungsnummer „K Is For Kelson“.

„Mind Bokeh“ ist eine Sammlung von hitverdächtigen Tracks und wirkt doch erstaunlich fokussiert und konzentriert. Es ist ein Album zum Hören und Wiederhören. Spätestens wenn das abschließende „Saint Christopher“ in harmonischer Unendlichkeit aufzugehen scheint, macht das Album zudem ganz schön glücklich.

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