Agoria – Impermanence

Ein Gemischtwarenladen namens „Impermanence”, das ist Sébastian Devauds neues Album als Agoria. Der Mitbegründer des InFiné-Labels vereint akustischen Pop mit bouncendem Techno und dub-inspiriertem House. Das Erstaunliche ist, es funktioniert. Wenn ein reduziert blubbernder Electro-Soul – das von Seth Troxler gesungene „Soulless Dreamer“ – auf eine akustische Klavierballade folgt – die von Kid A vorgetragene Albumeröffnung „Kiss My Soul“ – und der Hörer, statt verwirrt zu sein, begeistert seinen Ohren nicht traut, dann ist man auf der Fährte von etwas potentiell Großem.

Tatsächlich ist „Soulless Dreamer“ eine monoton pulsierende Pop-Electronic-Perle und „Kiss My Soul“ glänzt in seinem unbeschreiblichen, zarten Zauber, der Fans von Tori Amos ebenso gefallen dürfte wie Anhängern von Matthew Dear und den Bewunderern Joanna Newsoms. Natürlich liegt dies vor allem an der Stimme der jungen Amerikanerin Kid A, aber Devauds Songwriting-Talent darf dabei ebenso wenig vernachlässigt werden wie sein Gespür für das richtige Arrangement, den richtigen Einsatz der Streicher und zarter elektronischer Effekte. Kid As Gesang kommt ein zweites Mal zum Einsatz im düster pulsierenden „Heart Beating“, das, stärker elektronisch orientiert als „Kiss My Soul“, doch ebenso berührt. Die elektronische Experimentierfreude von „Heart Beating“ findet sich auch wieder im ansonsten monoton technoid pumpenden „Little Shaman“.

Größer als der Gegensatz zwischen der eröffnenden Akustikperle „Kiss My Soul“ und der klassisch ekstatischen Technohymne „Panta Rei“ können Unterschiede auf einem einzelnen Album kaum sein, und doch finden sie sich hier harmonisch nebeneinander. Agoria verbindet in seinem Songwriting anspruchsvollen Pop und Tanzfläche nicht in einem Stück, sondern stellt sie als ebenbürtige Elemente seiner Musik nebeneinander und lässt uns über die Natürlichkeit des Zusammenspiels staunen. Die housige Seele, die erwähntem „Soulless Dreamer“ innewohnt, findet sich auch in „Speechless“ wieder, zu dem Legende Carl Craig Vocals beisteuerte. Hier schafft Agoria eine epische, monotone, langsam Fahrt aufnehmende Nummer. Der Sog des Tracks steigert sich und auch wenn die Mittel vielleicht herkömmlich sind – inklusive Craigs Stimme – ist das Ergebnis doch erhebend. Gleiches gilt für die sich kontinuierlich entwickelnden Rhythmen von „Gran Torino“, deren ursprünglich latent südamerikanischer Charakter sich hin zu einer technoiden Symphonie wandelt und so den Track zu einer grandiosen Reise durch elektronische Welten macht.

Eine Reise ist auch das ganze Album „Impermanence“. In einer für elektronische Musiker nicht selbstverständlichen musikalischen Offenheit nimmt Agoria uns hier an die Hand und schafft eine – zwar in weiten Teilen auf klassische Clubfunktionalität eingeordnete – beeindruckende Platte, die einerseits scheinbar Unvereinbares nebeneinanderstellt und doch stimmig wirkt. Ein erstes kleines Highlight dieses Jahres gelingt so.

Advertisements