Adele – 21

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Es bleibt dabei, Adele wirkt auch mit ihrem zweiten Album „21“ eher seltsam im Kontext der anderen Künstler auf XL Recordings. Ebenfalls nicht geändert – sondern eher noch verstärkt – hat sich der latent anachronistische, der Retro-Charakter ihrer Musik. Einerseits weist zwar die Vorabsingle „Rolling In The Deep“ gewisse Ähnlichkeiten zu Florence & The Machine auf, vor allem aber finden wir hier auf „21“ einen (weißen) 70er-Jahre-Soul. Elton John, Billy Joel und Todd Rundgren geben sich musikalisch ein Stelldichein, nachdem zunächst „Rumour Has It“, als potentiell zweite Single, noch klar den Bezug zur Königin des Retro-Soul Amy Winehouse aufzeigt.

Produziert unter anderem von Rick Rubin und Paul Epworth widmet sich Adele Adkins dem Thema – oder auch THEMA – des Pop, der Liebe also, in einer durchaus hochglanzpolierten und zeitgemäß aufbereiteten Version des Blue-Eyed-Soul. Im Hier und Jetzt klingen die Stücke dann eben einerseits nach Billy Joel oder Todd Rundgren und andererseits nach Beyoncé oder Adeles Klassenkameradin Leona Lewis. Das ließe sich als absolutistisches Gegenargument gegen dies Album formulieren (und manch einer wird es vermutlich genau so nutzen), doch ignorierte ein solches Vorgehen, mit welcher Perfektion, Epworth, Rubin und alle weiteren beteiligten Produzenten inklusive Adele selbst hier ein mitreißendes, emotional packendes, zwar durchaus in Strecken auch kitschiges, aber vor allem gutes und schönes Album vorlegen. Eine pauschale Abwertung würde zudem ausblenden, welch außergewöhnliche Gesangsstimme Adele besitzt. Sie vereint die Qualitäten einer Florence, einer Amy und einer Leona Lewis, was ihr verbunden mit einer gewissen willentlichen Unreinheit, einer Übertreibung in der Phrasierung, eine Eigenständigkeit verleiht, die gewinnt. Nach Duffys „Endlessly“, das im Frühwinter 2010/2011 ebenfalls einfach gut war und gefiel, meldet sich somit zum Ende der gleichen Jahreszeit auch Adele erfolgreich zurück, nachdem bereits ihr Vorgängeralbum nicht nur die Kritiker überzeugte. Die Grundidee des Albums, 70er Jahre Blue-Eyed-Soul ins 21. Jahrhundert zu transportieren, führt relativ natürlich dazu, auch einen gewissen Country-Einschlag in die Musik einzubringen, was hier zum Beispiel in „Don’t You Remember“ erfolgt und erstaunlicherweise, dank Adeles Stimme, gelingt.

Wie auch bei Duffy fällt es durchaus schwer, hier einzelne Songs herauszuheben. Epworths Produktion macht aus „Rolling In The Deep“ natürlich ein eigenwilliges Stück Retro-Indie-Soul, wogegen „Rumour Has It“ nicht nur dank des akzentuierten Schlagzeugs zu einem außergewöhnlich treibenden Stück Rückwärtsgewandtheit wird. „Set Fire To The Rain“ wiederum spielt, wie auch „Someone Like You“, auf das Vorzüglichste auf der Gefühlsklaviatur des Pop und sollte eigentlich einer der (Pop-)Hits des Jahres 2011 werden (falls eine solche Aussage nach 14 Tagen im Jahr erlaubt sein sollte), und „I’ll Be Waiting“ erscheint direkt den 1970ern entsprungen. Andererseits ist natürlich manches schon arg herkömmlicher Retro-Soul: das Rick-Rubin-produzierte „He Won’t Go“ zum Beispiel, bei dem der Produktions-Guru die Uninteressantheit des Grundkonzepts allerdings mit kleinen geschickten Einsätzen der Rhythmus-Sektion wett zu machen vermag. So gelingt „21“ als Album voller Gefühl und Kitsch, als Pop für (fast) alle Geschmacksrichtungen.

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