Nicolas Jaar – Space Is Only Noise

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Die Kinder des digitalen Zeitalters erobern auch die Musik. Wo die ab 1980 Geborenen mit einer für die Eltern-Generation kaum vorstellbaren Selbstverständlichkeit Textverarbeitung beherrschten und die Spät-1980er in jungen Jahren schon gecrackte Grafikprogramme austesteten, war für die heute knapp oder noch nicht Zwanzigjährigen vermutlich die (potentiell illegal erworbene) Musiksoftware die neue Gitarre. Während also vor vier bis fünf Jahrzehnten die elektrische Gitarre taugte, um die Musik zu revolutionieren, reicht unsere Vorstellung unter Umständen nicht aus, was diese Generation mit einem Laptop noch alles anstellen wird.

Zu dieser jungen Generation gehört auch Nicolas Jaar (20). Nach vier Jahren Single- und EP-Veröffentlichungen bringt er nun mit „Space Is Only Noise“ sein Albumdebüt auf Circus Company heraus. Im fünften Jahr seiner Musikertätigkeit hat er bereits einen gewissen Ausnahmestatus in der Techno- und House-Familie erlangt. Dies beruht vor allem auf seiner konsequenten Reduktion der Geschwindigkeit des Genres an und unter die 100-beatsperminute-Grenze. Dies behält er auf dem Album bei und konzentriert sich zudem darauf, die Mittel, die Elemente seiner Musik zu reduzieren. So stehen diese in erstaunlicher Klarheit nebeneinander. In gewissem Sinne fehlt es allerdings an der letzten Konsequenz, Jaar traut sich nicht, die Klänge tatsächlich vollkommen ausklingen zu lassen, bei aller Minimierung findet Stille nicht statt. Nichtsdestotrotz fasziniert dieser ruhige Entwurf selbst über die Länge eines Albums. Es erstaunt, wie allein im titelgebenden „Space Is Only Noise If You Can See“ und in „Variations“ eine echte Clubtauglichkeit aufkommt und dennoch die Stücke nicht einfach Ambient sind, obwohl in Jaars Tracks hier der Übergang zwischen einer mikroskopischen House-Ästhetik und einer Eno’schen Wohnraummusik fließend ist. Tatsächlich überschreiten die jaar’schen Kompositionen in großer Leichtigkeit und kaum merklich diverse Genregrenzen, um in Momenten fast Sigur-Ros’sche Traumklangschaften zu erzeugen. Die beruhigende Wirkung, die hier der Musik in fast allen Momenten innewohnt, die ungeheure Musikalität, die aus den Melodien und Melodieversatzstücken spricht, übertrifft nur Nicoals Jaars vielfältige, subtile Variation der Taktgeber, der rhythmischen Mittel.

Die Verminderung der Spuren, der Geschwindigkeit und der Lautstärke in den Tracks wiederum nimmt gelegentlich fast Züge der Mittellosigkeit an, die beim Hörer ein Unwohlsein auslösen. So irren wir ein wenig orientierungslos durch „Space Is Only Noise“, um nur schrittweise warm zu werden mit dem Album. Jaar entlohnt uns für die Geduld – gibt uns sozusagen das Leckerli nach erfolgter Lektion – mit „Variations“. Die ruhige Langsamkeit, die latent orientalische Atmosphäre wird getragen von als Beat eingesetzten Gitarrenanschlägen, die sporadisch akzentuiert werden durch einen pumpenden Bass.

Nicolas Jaars Albumdebüt erstaunt in fast jedem Moment und sei es nur darin, wie unaufregend und -aufgeregt es ist. Es verströmt eine ungemeine Wärme und Seelenhaftigkeit. Ähnlich aber wie Isolées Microhouse-Entwurf braucht es die Aufmerksamkeit seines Publikums, verlangt die ernsthafte Auseinandersetzung – egal, ob als laute Raumbeschallung oder in der intimen Einhüllung des Kopfhörers.

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