M. Walking On The Water – Flowers Of The Departed

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Wo Folk heute implizit zumeist eine Orientierung am Amerika der 1960er und 1970er Jahre innewohnt, stand der Folk in den 1980er und 1990er Jahren häufig in einer engen Verbindung zu Punk. Häufig offenkundige Düsternis zeigte zudem die Nähe zur poppigen Variante des Wave auf. Eine der deutschen Größen dieses Indie-Folk mit Hang zu gesunder Melancholie waren M. Walking On The Water. Nach Jahren, in denen sich die Mitglieder auf anderes konzentriert haben, erscheint dieser Tage nun – nach ganzen 14 Jahren Veröffentlichungspause – das zehnte Album der inzwischen über ganz Deutschland verstreuten Band.

Auf „Flowers For The Departed“ präsentiert die Band sich nun in ausgesprochen guter Form. Ihr psychedelischer Indie-Folk in all seiner Widersprüchlichkeit rumpelt vor sich hin und besticht gleichzeitig in seiner melodischen Schönheit. Mal eher folkig, mal wie aus Phillip Boas Feder stammend, an anderer Stelle dann fast an Greg Dulli und Mark Lanegans Gutter Twins und deren Gospel-Alternative erinnernd, sind die Stücke nie wirklich modern im Sinne, dass sie in aktuelle Schubladen passen würden. Der akzentlastige, spröde und rauhe Gesang und die nie wirklich perfektionistischen Arrangements hätten ebenso bereits vor 15, 20 oder 25 Jahren entstanden sein können. Was als mangelnde Entwicklung gedeutet werden könnte, wirkt in erster Linie doch erfrischend in einer Zeit, in der selbst low-fidelity-Produktionen sich nicht trauen, wirklich unsauber zu klingen.

So eröffnet denn „Dust In The Suitcase“ das Album folkpunkig-fiedelnd, stürmisch tanzbar, funktioniert so als Zeitmaschine für die einen und wird den ein oder anderen doch auch auf dem falschen Fuß erwischen. Vielseitigkeit ist Programm für die Band und auf „Flowers For The Departed“. So entführt zum Beispiel „Bury Me Upright“ ganz im Stile des 1995er Albums „La Louisianne“ swingend in die Südstaaten, während „Glitter“ als zeitlos schunkelnder Rotwein-Indie-Soundtrack gar bis zu Fans von The National vordringen könnte und „Questionmark“ zum klassisch-kontinentaleuropäischen New-Wave-Hit wird. Wo in all dem vieles brüchig wirkt, beweisen zum Beispiel die Harmoniegesangausbrüche im umwerfenden „Sing Sally“, dass diese Unreinheiten, das Stumpfe, gewollt sind und nicht Unvermögen entspringen.

Wissend um Markus Maria Jansens Arbeit als Komponist für Theatermusik wundert es nicht, hier an mehr als einer Stelle einen Hauch von Weill’scher Atmosphäre durch die Stücke wehen zu spüren. Beispielhaft kann hierfür „Heavenlove“ stehen, das zudem nicht nur dank ausufernder Streicherarrangements zu den Perlen auf „Flowers For The Departed“ gehört. Zu diesen Höhepunkten zählen zudem sicherlich das ruhig und doch bedrohlich vor sich hintreibende „Song For The Nameless“ und ganz besonders der einfache, folkige Gassenhauer „Lucky Girl“. So perfekt wurden Fiedeln im deutschen Independent vermutlich seit mindestens 1997 nicht mehr eingesetzt. Bedenkt man zudem das vielerorts zu Tage tretende Talent der Band für anspruchsvolle Arrangements, wird dieses Album zu einer wirklich furiosen Wiederauferstehung, die für manchen Hörer eine große Neuentdeckung sein könnte.

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