Family Of The Year – Our Songbook

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Waren die 00er Jahre des 21. Jahrhunderts das Jahrzehnt des Folk? Ignoriert man unter einer solchen Prämisse zu viele andere Entwicklungen der letzten 11 Jahre? Selbst wenn man vieles ausblenden sollte in einer solchen Annahme, befreite das Jahrzehnt den Folk in Indie- und Alternative-Kreisen doch von der ihm zuvor vielfach innewohnenden Bindung an den (Folk)punk. Calexico, Bright Eyes, Bonny ‚Prince‘ Billy, Joanna Newsom, Fleet Foxes, Arcade Fire. Von absurden Soundtracks der 1970er bis zu Dylan und den Beach Boys reichten die Einflüsse der Künstler. Melancholie wie auch unbeschwerter Frohsinn fanden sich in den Stücken wieder. Der ein oder andere wagte gar die Einbindung elektronischer Elemente oder schaffte Folk, der in seiner Inszenierung nicht mehr als Folk zu erkennen war: MGMT, Empire Of The Sun.

Aus dem gleichen Regalfach, in das die musikalische Archivwirtschaft Obiges eingeordnet hat, purzeln auch Family Of The Year. Seit 2009 unterwegs, fand ihre Musik 2010 auch nach Europa und das für den Durchbruch auf diesem Markt zusammengestellte Album „Our Songbook“ schafft nun Anfang 2011 den Weg in den deutschen Handel – pünktlich, um in der Festivalsaison noch eine Rolle zu spielen.

Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit die Band um Joe Keefe und Meredith Sheldon jenseits reinen Epigonentums ihre klassischen und jüngeren Einflüsse einbinden, um sofort ansprechende, eigenständige Songs zu schaffen. Sei es das Lennon-eske „Summer Girl“, das widerspenstige Moll von „The Princess & The Pea“ oder das simple, unauffällige, in gutem Sinne altmodische „Surprise“, sie alle haben keine Mühe zu gefallen und überzeugen in ihrer Ungezwungenheit wie auch in ihrem Wohlklang. Family Of The Year gehen aus von einem klassischen Folkpop-Begriff in der Nähe von Beach Boys und Byrds, verlassen diesen Grund, wenn es ihnen nötig erscheint, und nehmen so psychedelisch rumpelnden, in vielen Jahrzehnten beheimateten Pop ebenso in ihr Repertoire auf wie einfach gutgelaunte Folk-Eskapaden, wie sie zuletzt von I’m From Barcelona zu hören waren. Hinzu gesellt sich zudem so scheinbar Folkfernes wie Synthesizerpop oder auch nicht zwangsweise Folkfernes wie latent lärmende Rockigkeit. Am schönsten mögen die Stücke sein, wenn die Band sich ganz dem Wohlklang, der Melodie und dem Harmoniegesang hingibt, am interessantesten aber werden sie, wenn Funde verschiedener Expeditionen sich in einem Stück zusammenfinden. So ist das akustische, von Meredith Sheldons glockenklarem Gesang und Beach-Boys-Chören dominierte „No Good At Nothing“ sicherlich einer der Höhepunkte auf „Our Songbook“, während „Castoff“ in all seiner elektronischen Poppigkeit mehr überrascht und die nötige Spannung erzeugt. Das europäische Debüt der Family Of The Year wird so zu einer sicherlich in gewissem Maße nostalgisch hippieesken wie auch typischen 2000er Platte, übertrifft die Erwartungen an ein damals oder jetzt angesiedeltes Folkalbum jedoch in seiner Vielseitigkeit.

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