Anna Calvi – Anna Calvi

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Ein Album zwischen Barockpop und dem Bombast, der nötig wäre, einen Psychothriller im wilden Westen stattfinden zu lassen, das ist Anna Calvis selbstbetiteltes Albumdebüt. Süß und verletztlich, vielleicht auch leicht schmollend, mag der Gesang gelegentlich hier daherkommen, doch unter ihm brodelt das gefährliche, düstere Unbekannte. Es mag ruhig und unscheinbar sein, aber jeden Moment kann ein Sturm losbrechen, dessen Gewalt uns vernichtet.

Dieser Gegensatz aus Ruhe und Sturm, aus Verletzlichkeit („No More Words“) und einer selbstbewussten Energie (die in „Desire“ gar an Zola Jesus erinnert) geben Calvis Album eine innere Spannung, ein Moment der Überraschung. Darüber hinaus lebt die Platte von der Intensität der Gefühle, die Calvi in ihrem Gesang und die gesamte Band in den Arrangements transportiert. Die Einfachheit der Zusammensetzung aus Stimme, Gitarre und Schlagzeug – zeitwillig von Tasteninstrumenten unterstützt –, die im Grunde zu einem relativ simplen Rockalbum hätte führen können, wird durch die Menge des involvierten Gefühls, das Talent der Mitwirkenden und wohl auch durch Rob Ellis‘ Produktion zu einer zeitlosen Platte, die ebenso viel vom Stil einer PJ Harvey wie von der Musik Nick Caves oder Leonard Cohens gelernt hat. Dies erklärt vielleicht auch, wieso sich bei allem Gefallen, das dies Album erzeugt, immer wieder die Frage stellt, wo und wann man diese Harmonien, diese Arrangements bereits früher gehört hat. Nein, hier ist nichts geklaut, aber vieles klingt außerordentlich, vielleicht sogar zu sehr, vertraut.

Das ändert aber nichts an den mitreißenden Qualitäten des Albums, an der beschwingten Moll-Schönheit von „Desire“, der verschleppten Tragik eines „First We Kiss“, der aufreibenden Spannung von „I’ll Be Your Man“, das einmal fast fröhlich-luftig und dann wieder schwer und bedrückt daherkommt, und besonders wenig wird dadurch die dramatische Energie des „Blackout“ eingeschränkt. Anna Calvi zeigt mit ihrem Album, dass sie zu Recht auf der Auswahlliste der BBC der vielversprechendsten Newcomer des Jahres 2011 steht, und dass ihr Auftritt vermutlich ein Höhepunkt des diesjährigen Haldern Festivals werden dürfte. Aber wie für das gleichzeitig erscheinende Album Tu Fawnings gilt auch hier, dass dies Debüt mehr als Versprechen für die Zukunft erscheint, denn als großes Album im Hier und Jetzt.

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