Paul Kalkbrenner – Icke Wieder

Da isser also wieder. Der Kalkbrenner. Irgendwo um die 170000 Exemplare sollen vom „Berlin Calling“ Soundtrack verkauft worden sein in den letzten drei Jahren. Man darf wohl vermuten, dass ungefähr viermal so viel „Sicherungskopien“ existieren. Drei Jahre hat es also gedauert, bis Kalkbrenner neues Material präsentiert. Und was kommt dabei heraus? Ein egozentrischer Titel, „Icke Wieder“, das hässlichste Cover des Jahres, wobei die Download-Generation wohl kaum an Plattencovern interessiert ist, und Songtitel wie „Sagte Der Bär“ und „Der Breuzen“, die suggerieren, ihr Erzeuger habe ein total weggebranntes Gehirn, was vielleicht auch auf die Downloadgeneration zielt. Und die Musik?

Ja, die Musik. Eine Stunde gibt es davon, und es erscheint, als habe Herr Kalkbrenner, P. sehr bewusste Entscheidungen getroffen, als sei ihm sehr deutlich, wie unterschiedliche Zielgruppen befriedigt werden wollen. Denn bei allem Crossover-Massenappeal, den „Berlin Calling“ entwickelt hat, war es zunächst doch einfach guter Berlin-Techno, der sich auf dem Soundtrack fand. So war zunächst denn auch nicht „Sky And Sand“ der Hit der Platte, sondern Sascha Funkes „Mango“. Genau bei dessen von analogen Klängen inspirierter, atmosphärischer Inszenierung des geraden Beats setzt auch „Icke Wieder“ über weite Strecken an. Ein gehöriges Maß poppigen Wohlklangs durchdringt die Stücke, was nicht zuletzt an der Verwendung von Samples und Presets echter Instrumente liegt. Mit am deutlichsten wird dies vielleicht in den Gitarren in „Jestrüpp“.

Den Rockern oder den allgemein nicht elektronisch Interessierten unter seinen Fans macht Kalkbrenner den Einstieg in das Album einfach, indem die Albumeröffnung „Böxig Leise“ eine Variation des „Sky And Sand“-Motivs aufbietet und so die Brücke bereitstellt von „Berlin Calling“ zu „Icke Wieder“. Zudem wird deren Geländer nur langsam schmaler, so dass lange Zeit etwas zum Festhalten bereitsteht. So unspektakulär und poppig der Beginn aber sein mag, umso klarer setzt Paul Kalkbrenner dann später neue Akzente, ohne je die typische Berliner Techno-Ästhetik zu verlassen. Seine Beats verweisen auf „Icke Wieder“ in leicht melancholischer Weise zurück in die Vergangenheit – die eigene und die des Genres.

So dient im Grunde die erste Albumhälfte dem Warmwerden und endet mit einem der Hits des Albums. „Kleines Bubu“ verbindet Polka-Poppigkeit mit Techno und könnte tatsächlich als Atzen-Funk funktionieren, ist aber so eingängig gut, dass man ihr den Erfolg fast nicht gönnen möchte. Die stumpfe Grandiosität des Beats von „Kleines Bubu“ übertrifft direkt nachfolgend „Des Stabes Reuse“ in übersteuerter Eingängigkeit, die jedoch weniger auf Popappeal denn auf monotone Techno-Größe abzielt. Dunkle Tanzflächentauglichkeit ist auch das Markenzeichen von „Sagte Der Bär“, dessen Arrangement und Spannungsbogen Kalkbrenners Musikalität beweisen. Dem Warmwerden der ersten Hälfte folgt dann also die Versöhnung von Techno-Geheimzirkeln und Pop auf Seite zwei. Auch der zweite Teil der Platte endet mit einem Hit. „Der Breuzen“ greift tief in die instrumental-melodische Inszenierungskiste und verbindet fast ravende harmonische Schönheit mit stumpfer Basslinie. Erneut gilt zu hoffen, dass Viva und Melt! die Qualität des Tracks nicht erfassen.

Kalkbrenner verlässt sich auf das, was in der Vergangenheit erfolgreich war. Die Tracks sind Techno Berliner Prägung und wollen auch nichts anderes sein. Sie sind weder klarer Pop, noch verzichten sie auf ein Maß an Poppigkeit. Die Atzen dieser Welt werden sich anstrengen müssen, hier Hymnen für die maximale Verstrahlung zu finden, aber es könnte ihnen gelingen. Im Grunde also schafft Kalkbrenner es hier tatsächlich, jede mögliche Zielgruppe zu bedienen. Entsprechend wird vermutlich jede auch was zu meckern haben. Gutes Album. Punkt.

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