Marianne Faithfull – Horses And High Heels

Erneut präsentiert Marianne Faithfull dieser Tage eine Sammlung von Songs, die sie für würdig hielt, von ihr interpretiert zu werden. Als Überlebende einer vergangenen Generation, welche diesseits und jenseits des Atlantiks die Grundlage für all das schuf, was heute als Pop gilt, kann sie sich sicher sein, dass für sie geschriebene Songs ihrer rauen Stimme und ihrer Persönlichkeit entsprechen, und ihre Fans können sich gleichfalls darauf verlassen, dass Faithfull den von ihr interpretierten Stücken ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken wird. Letzteres gilt zumindest solang, wie das Stück nicht zu eindeutig vom persönlichen Stil der Songwriter geprägt ist.

So ist die Eröffnung des Albums einerseits ein Höhepunkt des Albums und andererseits vollkommen untypisch für Faithfulls neue Platte „Horses And High Heels“. „The Stations“ eröffnete schon Greg Dullis und Mark Lanegans Gutter-Twins-Album und darf hier nun noch einmal diese Rolle spielen. Es mag Faithfull nicht gelingen, dies mit ihrem eigenen Charakter zu füllen, doch zeigt es die direkte Linie, die zwischen dem alternativen Gospelrock der Gutter Twins und Faithfulls bluesig-rockend folkiger Musik besteht, die Geistesverwandtschaft dieser drei Musiker. Die düstere Melancholie dieser Eröffnung zieht sich auch durch den Rest des Albums.

Die Künstlerin betont, „Horses And High Heels“ sei ein glückliches Album, aber es ist dies in einer düsteren, einer in sich versunkenen, einer dunkelgrauen Art und Weise. Sei es das swingende „Why Did We Have To Part“, das vor sich hinzuckelnde, träge, Gänsehäute hervorrufende „That’s How Every Empire Falls“ oder die einfache Ballade „Goin‘ Back“, sie alle sind durchzogen von einer wohltuenden Traurigkeit. Wie die Stücke des Albums die erwähnte melancholische Grundstimmung gemein haben, stehen sie ebenso allesamt in einer Tradition des countryesken Bluesfolkrock, wie er in den 1970er Jahren nicht nur von The Band gespielt wurde. Wo dies einerseits die Faithfull-Fans anspricht und anderen altbacken erscheinen mag, passt es erstaunlich gut in die heutige Musiklandschaft. Vielleicht als bestes Beispiel für diese Rückwärtsgewandheit mag „Prussian Blue“ stehen. In diese Beschreibung passen auch die eher schwächeren Stücke des Albums, so kommt Faithfull in „No Reason“ harmlos bluesig rockend um die Ecke, und „Gee Baby“ führt zwar in die Südstaaten der USA, lässt jedoch das nötige Feuer vermissen. Dass Faithfull diesen Rhythm and Blues durchaus beherrscht, zeigt sie in „Back In My Baby’s Arms“. Zu den Höhepunkten des Albums zählt sicherlich der Titeltrack, dessen latent gebrochenen Charakter, langsame Entfaltung und hymnische Bridge man einfach genießen muss. Alles in allem ist „Horses And High Heels“ ein stilles Album. Unauffällig in jederlei Hinsicht überfällt es einen nicht, sondern schmeichelt sich langsam ein.

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