Kreidler – Tank

Wie schafft eine Band es, einem außerordentlichen Album ein (fast) ebenso gutes folgen zu lassen? Kreidlers „Mosaik 2014“ funktionierte vor 17 Monaten als Gesamtkunstwerk aus Titel, Artwork und Musik. Der jetzt erscheinende Nachfolger „Tank“ setzt musikalisch am gleichen Fleck an und überzeugt auf gleichem Niveau. Allerdings bedarf es einiger Zeit, um zu erfassen, dass dieser monotone Koloss tatsächlich ein würdiger Anschluss ist. Am Ende aber ist allein unklar, welcher Gletscher diesen Findling im Hier und Heute liegen ließ, denn wirklich hierher zu gehören scheint er nicht.

Elektronik und Liveinstrumente ergänzen sich erneut in einer ungemein harmonischen Art. Im Kern dieser harmonischen Synthese steht immer der Rhythmus, der die Stücke trägt, dessen Betonungen und Schwachstellen die Spannung der Stücke erzeugen, die Akzente setzen. Andererseits aber kann im Klang des Quartetts Kreidler der Takt auch von der monotonen, repetitiven Verwendung eines Melodieinstruments oder eines melodischen Taktes erzeugt werden. Die Wiederholung der Elemente, ihre minimale Variation erzeugt den hypnotischen und doch auch hymnischen Charakter der sechs Opera auf „Tank“. Vom Takt getragen entstehen auf „Tank“ wie zuvor auf „Mosaik 2014“, instrumentale Gemälde, Stillleben, Landschaften, Schlachten.

Diese verfremdeten Abbildungen einer imaginierten Wirklichkeit erzeugt die Band aus vielen kleinen Teilen, deren Wiederholung, Einmaligkeit oder Veränderung die Spannung erzeugt. Monotones Schlagzeug, Jazzrhythmen, Repetition, einfachste Melodien oder deren Versatzstücke, das Aufgreifen gleicher Motive durch unterschiedliche Mittel, sphärisch Hymnisches, all dies vereint sich und steht doch klar nebeneinander. Vordergründig einfache Mittel ergeben erst in ihrer Zusammenschau die wahre Komplexität der Arrangements. Selbst wenn die Elemente eines Stückes durcheinander laufen und scheinbar keine Gemeinsamkeiten haben, erscheinen Muster in ihrem Zusammenspiel, die sich im Verlauf der Stücke weiterentwickeln, indem die Band eher unauffällig die Elemente variiert oder neue hinzufügt. Titel wie „Jaguar“, „Gas Giants“ oder „Kremlin rules“ deuten auf einen gewissen filmischen Charakter und tatsächlich rufen die Stücke Assoziationen von Thriller oder Science Fiction hervor, von actiongeladener Verfolgungsjagd oder Suspense. Dies prägt die Atmosphäre des Albums. Während die Stücke alle ihre ganz speziellen Eigenheiten aufweisen, beruhen sie doch zumeist auf großen strukturellen Gemeinsamkeiten. Kreidler verfolgen konsequent einen Versuchsaufbau, in diesen bauen sie neue Elemente ein, entfernen andere, testen die gleiche Konstellation erneut aber mit anderen Parametern. Es ist ein fast wissenschaftliches Vorgehen, was hier an den Tag gelegt wird. Der Kreidler’sche Klang zwischen Krautrock und Moroder zeichnet sich selbst in der größten Schichtung oder Verwebung durch eine ungemeine Ordnung aus. Alles hat seinen Platz und ist doch in keinem Moment langweilig oder kalt, vielmehr ist es faszinierend und voller Wärme.

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