I Blame Coco – The Constant

Was lässt sich erwarten, wenn ein Album mit dem vorher potentiell schon bekannten Hit beginnt? Ja, die Frage ist in gehörigem Maße rhetorisch. Tatsächlich jedoch kippte die Vorfreude in Skepsis, als die ersten Töne auf I Blame Cocos „The Constant“ zu „Selfmachine“ gehörten, und wirklich hält das Album in keiner Weise, was dieser Pophit deluxe verspricht oder zu versprechen scheint.

Die Albumeröffnung ist eine clubbig aufgeputzte Indiepop-Nummer, die selbst Robyn, La Roux oder Annie gut zu Gesicht stehen würde. Tanzbar und in keiner Weise peinlich reißt das Stück sofort mit. „Selfmachine“ eröffnet „The Constant“ also an der Schnittstelle zwischen 08/15-Radiopop und elektronischem Indiepop, die Robyn im letzten Jahr und La Roux im Jahr zuvor so perfektioniert hatte. Direkt die Tanzmuskeln und den kollektiven Popsinn ansprechend, verzückt es ohne jede Reue. Diese Schnittstelle optimal zu bedienen, dürfte heute das Ziel der meisten Plattenfirmen sein. Wie leicht das schiefgeht, hat zum Beispiel das Debüt von Little Boots gezeigt, und – leider – schließt sich „The Constant“ dort nahtlos an. Jedes der Stücke zeigt das Bestreben, die Hippen und Stinknormalen gleichermaßen anzusprechen, so fängt „In Spirit Golden“ als zweites Albumstück durchaus vergleichbar unpeinlich tanzbar an, um spätestens zum Refrain in eine ungute Roxette-Ke$ha-Poppigkeit, besagten 08/15-Radiostil umzukippen. Stellen wir uns jeden Track auf „The Constant“ als Kugel im instabilen Gleichgewicht vor, so stürzen sie mit schöner Regelmäßigkeit in das tiefe Tal der Peinlichkeit ab. Coco Summers Anliegen, die Sterilität des Pop aufzumischen, scheitert also im größtmöglichen Umfang. Potentiell schlimmstes Beispiel ist vermutlich „Quicker“ – und zwar nicht der Remix, der als Bonus beiliegt –, das erneut durchaus positiv beginnt, um dann aber in einem Maße Trashpop-Eigenschaften einzubeziehen, dass es schmerzt. Statt uns mit ihrer Musik zu befruchten oder wie mit einem Virus zu infizieren, präsentiert die Platte sich als absolut keimfreie Angelegenheit.

Da mag „Please Rewind“ noch so rockend vorwärtsstürmen oder „Summer Rain“ atmosphärisch düster ein klein wenig mit TripHop-Beats spielen, interessant macht das ersteren Track noch lange nicht und letzterer kann das Album als Ganzes trotzdem nicht retten. Es mag sich um potentielle Ohrwürmer handeln, aber handwerklich und von der ihnen innewohnenden Spannung her kann hier wenig überzeugen. Zugute halten ließe sich vielleicht noch, dass anfängliche offensive Abneigung gegen die Arrangements auf Dauer in einfache Langeweile umschlägt. Selbst die Großmeisterin des hier versuchten „Borderline“-Dancepop – Robyn selbst – kann ein Stück wie „Caesar“ nicht über ein kurzes Gähnen hinausheben.

„The Constant“ ist ein Album voller potentieller Hits – für die Charts. Eigentlich sollte Coco Summer keine Mühe haben, den Black Eyed Peas die Chartsspitzen streitig zu machen – außer wahrscheinlich mit „Selfmachine“, denn das ist und bleibt ein wahrer Hit. Was hätte aus diesem Album unter anderen Vorzeichen werden können – wohl kaum weniger als es wurde. Eine Antwort gibt der „Rack and Ruin Mix“ von „Quicker“ als Bonus, ob diese aber besser ist … Geschmackssache.

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