Africa Hitech – 93 Million Miles

Mit einem gehörigen Maß Boshaftigkeit ließe sich sagen, die Sklaverei sei eine gute Sache gewesen, denn nur so habe es sich ergeben, dass afrikanisches Rhythmusgefühl auf die anglo-amerikanische Kultur traf. Ohne diese Interaktion sei wohl nicht eine der populären Musiken des 20ten und wohl auch 21ten Jahrhunderts entstanden. Dies gilt für Jazz, HipHop, Rock’n’Roll, Reggae und Techno. Besonders wichtig war diese Interaktion aber sicherlich für alle Stilrichtungen elektronischer Musik, die in ihrer Rhythmusfokussierung immer wieder ihren afrikanischen Ursprung offen vor sich hertragen. Gleichzeitig wohnt ihnen immer auch ein gewisser – egal ob positiver oder negativer – Futurismus inne. Willkommen bei Africa Hitech.

Nicht nur Mark Pritchard hat bereits mehr als einmal bewiesen, dass die Grenzen zwischen Jazz, Dancefloor Jazz, Dancehall, Dub, Electro, Glitch, Grime, Garage, House und Techno fließend sind, doch dieser Beweis wurde selten so harmonisch geführt wie auf „93 Million Miles“ von Africa Hitech, dem neuen Projekt von Pritchard und Steve Spacek. Im Zentrum steht hier immer die Dancehall und damit der Bass. So tut es nicht Wunder, dass Africa Hitech auch den neuesten Hype namens Juke mit einbeziehen. Der wiederum hat es geschafft (laut www.de-bug.de/mag/8001.html), seit nunmehr 25 Jahren in Chicago ein Underground-Dasein zu fristen, ohne auf die große Bühne gehievt zu werden. Dazu bedurfte es offenbar erst der sich immer schneller drehenden Hypemaschine und des kaum wahrgenommenen Verschwindens des Ghettotech-Hypes, der den Weg frei machte für noch abgedrehtere Rhythmen. Allein wegen der Juke-Einbindung verdient „93 Million Miles“ Aufmerksamkeit, unterhält aber auch darüber hinaus in höchstem Maße.

Vieles auf diesem Album zieht sofort das Gehör voll in seinen Bann. Zu den unauffälligeren Stücken, die dennoch in keiner Weise qualitativ abfallen, gehören der House-Techno-Hybride „Our Luv“ und die atmosphärische Garage-Soul-Nummer „Don’t Fight It“, die das Album beschließt. Letzteres leitet uns entspannt mit gebrochenen Beats auf eher trägem Tempo in den Alltag hinaus. Von den verwendeten Mitteln her gemahnt ersterer Track eher an glitchy Electronica, doch die verwendeten Rhythmen offenbaren ihn als überraschende, geradlinige Dancefloornummer. Diese Geradlinigkeit ist jedoch eine Ausnahme. So präsent Techno oder House in den Tracks auch sein mögen, nähern Africa Hitech sich ihnen – und allen anderen Stilen – zumeist aus Richtung der ursprünglich jamaikanischen Dancehall. Dort beheimatet ist nicht nur das lockere „Spirit“ mit seinen gebrochenen, tribalistischen Rhythmen. Mit ebenso viel Soul und Breakbeats folgt „Light The Way“, das jedoch offensiver den Körper in Bewegung zu setzen sucht. Beide Stücke überzeugen nicht zuletzt dank Steve Spaceks seelenvollen Vocals.

Auch erwähnte Footwork-Begleitmusik wird zumeist in Bezug gesetzt zu Dancehall-Tunes. „Foot Step“ vermischt hektische Beats mit etwa auf halber Geschwindigkeit inszenierten Vocals, „Future Moves“ konzentriert sich ganz auf die harten, verquer gegeneinanderlaufenden Beats und „Out In The Streets“ wäre bei geringerer Geschwindigkeit und weniger monoton inszeniert einfach ein Dancehall-Track.

Harte Grime-Beats konkurrieren in „Glangslap“ mit computermanipulierten Vocals und 8-Bit-Eskapaden. Zu den Höhepunkten auf „93 Million Miles“ zählt sicherlich das grandiose „Cyclic Sun“, das ambient und jazzig, treibend und doch auch irgendwie ruhig seine Bahnen zieht. Ebenfalls ein Highlight des Albums ist die UK-Garage-Nummer „Do U Wanna Fight“, die einmal mehr ihre Dancehall-Verwandtschaft nicht leugnet und direkt auf die Tanzfläche zerrt. Africa Hitech schaffen mit „93 Million Miles“ ein sehr vielseitiges Album, das vordergründig sogar unzusammenhängend erscheint, aber in seiner Gesamtheit dann doch eine einheitliche Geschichte der Bassmusik schreibt und damit großartig unterhält.

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