Roman – Roman

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Es gibt immer mal wieder Künstler, die nicht wissen wohin mit ihren Ideen. Es entstehen dann Stücke, bei denen einem Hören und Sehen vergeht, weil ein kreativer Impuls vom nächsten abgelöst wird. Nicht selten wird dann aber kaum einer dieser musikalischen Gedanken zu Ende geführt, so dass das vornehmliche Gefühl Ermüdung ist. Meist konzentrieren sich diese Ideenschleudern in ihrem Schaffen auf ein – wenn auch weit interpretiertes – Genre. Anders Roman, dessen selbstbetiteltes drittes Album auf Karaoke Kalk erscheint. OK, auch hier lässt sich ein weit gefasstes musikalisches Genre definieren. Es heißt Pop. Aber Pop ist dabei allein die Abgrenzung gegen Jazz und Klassik, denn Romans Pop umfasst zwar auch klassischen Pop mit Einschlägen von Reggae über Indie bis Wave, aber vor allem umschließt er zudem HipHop, Electro und Techno. Dabei verliert er einerseits nie die allgemeine Hörbarkeit aus dem Blick, noch wird er billig, abgestanden oder sich wiederholend. Aus einer Homerecording-Electro-Tradition kommend lässt sich kaum ein Grund finden, warum keine große Plattenfirma versucht, Roman als Posterboy zu verkaufen – außer, dass jemand, der dieses Potpourri schlüssig vereinen kann, wohl einen zu eigenen Kopf hat, um sich einfach als Marke verkaufen zu lassen.

Beginnen wir am Ende. Nebeneinander finden sich die streicherverzierte Klavierballade „Shoot“ und der Clubstampfer „R.I.P. Music“. In ersterem kommen die Songwriting-Qualitäten des Künstlers besonders zum Tragen, die dem Stück die Intensität und Stärke verleihen, die es eigentlich als Titelstück des nächsten deutschen Blockbusters prädestinieren. Letzteres wiederum pumpt Energie in den Hörer. Einerseits steht es durchaus in einer gewissen Guetta’schen Tradition, besitzt aber zudem Rohheit, Charme sowie die erwähnte Ideenfülle. So wie beide Stücke sich voneinander unterscheiden, heben sie sich vom Rest des Albums ab, indem sie sich eindeutig für einen Weg entscheiden – etwas, dem sich Roman in der Albumeröffnung „Futura“ vollkommen verweigert. Auf einen relativ stumpfen Beat packt er eine energetische Popnummer, die mit rockigen Elementen, knarzenden Synthesizern und folkigen Streichern in drei verschiedene Richtungen auseinanderzustreben scheint und doch ein harmonisches Ganzes gibt. Danach überrascht dann der polyrhythmische Soulpopelectro „The Denizens Drum“ wohl kaum noch jemanden. Die Souveränität, mit der hier großer, vielschichtiger und mitreißender Pop präsentiert wird, ist erstaunlich. Kaum anders lässt sich „Goodbye Bunny“ beschreiben. Verschleppte Beats im Konzert mit Streicherarrangements und dramatischem Schlagzeug untermalen Soundeffekte und Spoken-Word-Rezitationen, und alles wird von Romans Gesang durchzogen.

Pop, Pop, Pop, in einer Qualität, für die manch Band, manch Produzent von Take That bis Mark Ronson, von Dieter Bohlen bis Coldplay viel Geld bekommen oder zahlen würden, das ist zum Beispiel „Despair When Young“. Ein treibendes Schlagzeug, große Melodiebögen und zielführende Electro-Effekte ergeben einen Song, der einfach nur beglückt. Aus den gleichen Elementen zehrt „Monsters In Suburbia“, und bei „Traffic“ werden die Streicher durch einige kleine Rave-Elemente ersetzt. „Bones And Barks“ sollte dann eigentlich die Indie-Disco glücklich machen in seiner Postpunk-Ska-Electro-Gitarren-Ästhetik.

Am Ende bleibt sich nur noch einmal zu wundern, warum Roman nicht Objekt von MTV-Push, All-Eyes-On, oder Viva La wird. Oder warum weder iPad noch die neueste Bier-Mix-Sorte von „Blow“ beworben werden. Ein erstaunliches Album. Ein begeisterndes Album.

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