Leilanautik – Unser Schöner Realismus

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Auch wenn Leilanautik ganz offenbar eine Ein-Hit-Band bleiben – und dieser Hit noch nicht einmal über die Stadtgrenzen Hamburgs hinaus ein solcher ist – zeichnet ihr neues Album an vielen Stellen eine spröde Schönheit aus, die einen fast sprachlos hinterlässt. Neben dem vordergründigen Ohrwurmcharakter zeichnete eben diese Hintergründigkeit bereits besagten Hit „1000 km“(link) aus. Aber obwohl Leilanautik allgemein alle Aufmerksamkeit der Deutsch-Indie-Pop-Gemeinde verdienen, mangelt es den vier Hamburgern wie manch anderer Band der gleichen Schublade am Alleinstellungsmerkmal. Ein bisschen Leichtigkeit, ein wenig Schwere, ein kleines Maß Gitarren und eine Portion englisch geschulter, post-punkiger, post-waviger Tanzbarkeit machen noch kein gutes Album. Zwar ist es ziemlich eindeutig zu sagen, die präsentierte Klangkombination stamme von Leilanautik, doch sind die Einzelteile eben offenbar zusammengedacht aus mindestens zwanzig – aber eher dreißig bis vierzig – Jahren Hamburger Szene. So gelingt „Unser Schöner Realismus (– Entspringt Der Phantasie)“ als nettes, unscheinbares Album, das in der Möglichkeitsform stattfindet. Es enthält mögliche Hits, potentielle Lieblingslieder und denkbare Titelmelodien für Dokusoaps. Das Album ist voller kleiner Stellen, die aufhorchen lassen, die momentane Aufmerksamkeit fordern, die für einen Augenblick Glück schaffen, aber beides kann nicht aufrechterhalten werden.

Das ließe sich sowohl als Unentschiedenheit wie als Unvermögen zum großen Wurf bezeichnen. Der Eindruck der Musik ist, die Band sei im Prinzip gerade an letzterem durchaus interessiert. Aber schon Virginia Jetzt! scheiterten mit ihrer Musik daran und sie hatten im Gesang immerhin noch ein latentes Alleinstellungsmerkmal. Musikalisch wie textlich fehlen hier sowohl die überragenden wie auch die besonders eingängigen Stücke. Qualität und Anspruch sind in jeder Hinsicht unauffällig. Weder stört etwas, noch begeistert es. Gitarren, Rhythmussektion und Gesang stehen in einer Deutschpop-Tradition, deren Ende kaum abzusehen ist, die immer wieder gefällt, die aber selten die große Emotion auslöst oder Staunen lässt. Dies alles als Durchschnitt zu bezeichnen, ließe sich als bösartig interpretieren, jedoch sieht die deutsche Sprache für diesen alltäglichen Klang tatsächlich nur dieses Wort vor.

Diese Klassifikation impliziert, dass viel Gutes über die einzelnen Stücke zu sagen wäre, dass sich aber gleichzeitig die Worte sich wiederholen würden. So ist es einfacher festzuhalten, dass Leilanautik in „Holz“ übertrieben versuchen, energisch und offensiv zu wirken, wodurch das Stück als negativer Fremdpunkt erscheint. Positive Worte verdient das abschließende „Am Ziel“, das in simpler Schönheit strahlt, das in seiner swingend poppigen Inszenierung natürlich aber auch einer langen Hamburger Tradition folgt. Etwas überraschender, funkiger – bei The Police abgeschaut – erklingt das Titelstück, das vielleicht mit am besten zeigt, inwiefern hier Schönklang und der Versuch, textlich über sich selbst hinauszuweisen, nebeneinander her existieren und nicht zueinander finden. Gleiches lässt sich über das energische, rundum gelungene „Gib! Nicht! Auf!“ sagen. Den eigentlichen Höhepunkt aber, das Stück, das die benannte spröde Schönheit am besten verkörpert, bildet „Schilfschneider“. Hier schaffen Leilanautik es, eingängige Melodie, sprachlich neue Bilder und die nötigen Widerhaken im Arrangement zu einer Nummer zusammenzubringen, die – möglicherweise – bleiben wird. Vermutlich ist es die einzige.

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