Kings Of Leon – Come Around Sundown

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Es fällt schwer zu glauben, die Alben „Youth And Young Manhood“ und „Come Around Sundown“ stammten von der gleichen Band – und das nicht nur wegen der unterschiedlichen Kopf- und Gesichtsbehaarung der Musiker. Andererseits war bereits 2003 dies ganz besondere Gespür für Melodien vorhanden, besaßen die Songs einen gewissen Pub-Charme. Die rohe Kraft und die durchaus aggressive Vortragsweise verschleierten dies bedingt. Insofern unterscheiden beide Alben unter Umständen nur das größere Budget und die andere Herangehensweise in der Produktion, denn im Grunde stammen „California Waiting“ und „Radioactive“ doch aus dem gleichen Wurf. Böse formuliert: Auch auf ihrem Debüt waren Kings Of Leon vor allem „Middle of the road“-Rock.

Ein Talent für Songwriting lässt sich nutzen, Perlen des Southern Rock zu schreiben, oder aber aus den gleichen Grundzutaten Stadionpop-Hymnen zu machen. Mag es der Reiz des Geldes sein, Druck der Plattenfirma oder Überzeugung – manch Aussage Caleb Followills lässt letzteres bezweifeln –, die Südstaaten-Familienbande namens Kings of Leon hat sich entschlossen, mit dem neuen Album möglichst genauso erfolgreich zu sein wie mit dem Vorgänger. „Come Around Sundown“ strotzt vor großen Gefühlen, vor durchaus zuckrig süßer, poppiger Brillanz, die weitaus besser im Stadion funktionieren wird denn im verschwitzt-stickigen Club. Das Schöne daran: Von „The End“ bis „Pickup Truck“ handelt es sich um fantastische Songs.

Die Grundzutaten bleiben vertraut: Caleb Followills Gesang, der seit dem Debüt kräftig geglättet wurde, die hitzig schwüle Südstaatenatmosphäre, eine sehnsüchtig vorantreibende Stimmung sowie eine implizite Tanzbarkeit dank Jared und Nathan Followill. Diese Basis verfeinern die Kings mit Gospel, Rhythm’n’Blues und Country, fügen ihr feine Prisen Surf- und Dreampop bei. Zwar ist die Produktion ähnlich glatt wie auf dem Vorgänger, doch die Band versucht dies – vielleicht fast verzweifelt – mittels Intensität und Intimität im Vortrag zu kompensieren und … hat Erfolg. Für jeden Moment, in dem der Instrumentalvortrag an die Vorlagen der Großen des Stadionrocks erinnert, findet sich ein – potentiell willentlicher – Fehler, eine Übersteuerung, eine Unreinheit im Klang, zitiert die Band Bass- oder Gitarrenläufe der ersten Alben, die darüber hinweg sehen lassen. Ein glattgebügelter Rocker wie „No Money“ vermag so mitzureißen, das überschwängliche „The Immortals“ lässt einen die Augen schließen und ungehemmt in den vielstimmigen Chor einstimmen und selbst die perfekte Imitation des 70er-Jahre-Mainstream-Rocks namens „Mi Amigo“ versprüht einen gewissen Zauber.

Beeindruckend ist, wie Kings Of Leon einfachen Pop-Songs, die sofort allgemein zugänglich sind, mittels kleiner Effekte, die kaum mehr als Spielereien sind, Ecken und Kanten verleihen. So zu hören in „Pony Up“. Andersrum ließe sich auch schreiben, sie machten aus spröden Nummern mit einfachsten Mitteln Stadionrocknummern. Auch die erste Single „Radioactive“ gewinnt ihren – fast hypnotischen und aufputschenden – Charme vor allem aus zwei eigentlich kleinen Maßnahmen, der sich wiederholenden, euphorischen Gitarrenlinie und der pulsierenden Rhythmussektion.

Oben erwähnte treibende Sehnsucht verbunden mit einer Leichtigkeit des „Alles Geht“ machen „Birthday“ zu einem der euphorischen Höhepunkte des Albums. Spätestens aber das abschließende „Pickup Truck“ nimmt für das Album gefangen, wenn seine langsam sehnsüchtigen Passagen unvermittelt vom Aufwühlenden, drängend Flehenden überrannt werden. Dieses Euphorische, das gleichzeitig Gebremste und doch stetig Antreibende eint viele Stücke des Albums und trägt zum Beispiel großen Anteil daran, dass „Pyro“ eine solch überwältigende Schönheit von Song ist. Eigentlich aber überzeugt das Album schon mit den ersten paar Takten, denn bereits das verzweifelte, verzerrt vibrierende „The End“ lässt staunen und die Hormone hoch schießen. Kings Of Leon sind mit „Only By The Night“ absichtsvoll und doch für sie selbst überraschend ins Becken mit den großen Fischen gefallen. Dort zu schwimmen, haben sie schnell gelernt. Auf „Come Around Sundown“ nun zeigen sie, dass sie in der Lage sind die gesamte Breite der musikalischen, pop-rockenden Gefühlsskala zu bedienen.

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