Kanye West – My Beautiful Dark Twisted Fantasy

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Drei einfache Wahrheiten über Kanye West lauten: Er ist ein Großkotz. Er ist ein äußerst talentierter Musiker. Er hat das dickste Adressbuch im HipHop.

Alle drei beweist er auch auf seinem neuen Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“. So dick aufzutragen wie er, das traut sich kaum ein anderer. Kitschige Popmomente, Sampledonnerwetter, Electroanleihen, kraftvolle Beats und fließende Rhymes von höchster Güte. Und: all das passt irgendwie.

So viele und solch verschiedene Kooperationspartner wie er präsentiert wirklich kein anderer. Wer würde schon Rihanna, Elton John, La Roux, Bon Iver und Rick Ross zusammen auf einem Album vermuten – und das war nur ein Bruchteil der helfenden Hände und Featuregäste.

Allerdings muss doch auf die Euphoriebremse getreten werden. Zwar gießt Mr. West alles in ein harmonisches Gewand, doch letztlich endet der Feature- und Produktionsaufwand im Overkill. Es ist alles ein bisschen zu viel. Weder Bon Iver noch Nicki Minaj noch Elton John noch La Roux noch Alicia Keys fügen den Stücken etwas Wichtiges hinzu und die Produktion ist an der ein oder anderen Stelle vor allem eins, größenwahnsinnig. Nichtsdestotrotz gelingt Kanye mit „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ erneut ein einfach gutes Album, das diesmal auch wieder eindeutig im HipHop beheimatet ist.

Kanye gestaltet seine dunkle Fantasie als Synthese seines bisherigen Schaffens. Das beatorientiert-semi-experimentell Erstaunliche des Vorgängers verbindet sich mit dem jungen HipHop-Zauberer West der ersten Alben und festigt so seinen Status. Andererseits fügt er weder seinem Schaffen noch dem Genre HipHop irgendetwas Essentielles – oder Neues – hinzu. Die Stücke des Albums sind in vielfacher Hinsicht typischer HipH(P)op der 00er Jahre (Jay Z, Usher, Rihanna, T.I.), wildern aber ebenso in den Klassikern des Genres (Grandmaster Flash, Wu-Tang Clan, Prince Paul, Gil Scott-Heron). Storytelling-HipHop mit auf den Punkt produzierten Beats und zielführend eingesetzten Instrumentalsamples wird von Kanye zelebriert und in die Gegenwart transformiert. Weder weichgespült noch vollkommen auf den harten Beat produziert, bouncend und voller Seele wird das Album äußerst zugänglich und dennoch nicht langweilig oder ausgelutscht. Dank der zeitgemäßen technischen Mittel bekommen die Stücke eine neue Intensität, eine Fokussierung und sogar Dringlichkeit, die vor zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren nicht so möglich war, die aber nichts über die Qualität der Musik aussagt.

„My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ ist einfach gut, aber nicht mehr. Kanye macht keine Fehler, aber es fehlt das Außergewöhnliche. Soll heißen: Eine außergewöhnlich lange Gästeliste macht noch kein Meisterwerk. Es fehlt das besondere Bisschen, das den Funken zunächst überspringen lässt und dann das Feuer der Begeisterung entzündet. Wobei, irgendwie ist das schon ziemlich grandios …

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