Fritz Kalkbrenner – Here Today Gone Tomorrow

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Kalkbrenner. Bis vor einigen Jahren nur einigen wenigen bekannt, ist der Name inzwischen weit über technoide Genregrenzen hinaus ein Begriff. Allerdings stellt sich durchaus die Frage, ob Paul oder Fritz den größeren Anteil am heutzutage fast inflationären Gefallen an Musik aus dem Haus Kalkbrenner haben. Hätte der „Berlin Calling“-Soundtrack seine Wirkung entfaltet ohne „Sky And Sand“? Die Theorie sei erlaubt, dass es eigentlich Fritz Kalkbrenner ist, der mit seinem Gesang – und seiner Beteiligung an der Produktion – „Sky And Sand“ zum Hit und damit den Namen Kalkbrenner allgemein bekannt machte.

Nun also „Here Today Gone Tomorrow“: zwölf Stücke plus Intro und Outro, die eine bisher kaum gehörte Poppigkeit in den Techno einbringen. Ein- und Ausklang des Albums stellen dabei besonders klar, wie Fritz Kalkbrenner seine Musik verortet sehen möchte. Zwar bedient er sich der Mittel der elektronischen Klubmusik, zehrt jedoch viel mehr aus den emotionalen Tiefen des Funk, des Soul, des Rhythm and Blues. Insofern nimmt er in gewisser Weise den europäischen, den deutschen oder vermutlich eher noch den Berliner Techno an der Hand und nimmt ihn mit auf eine Reise zu seinen Ursprüngen.

Die äußerst hohe Zugänglichkeit dieser Musik, ihr Popappeal lässt in Momenten den Verdacht aufkommen, es sei alles etwas seicht, es sei durchaus der gewollte Versuch, der Unerträglichkeit anderen elektronischen Pops der Jahre 2009 und 2010 eine ebenso einfache, aber deutlich weniger platte Clubmusik entgegenzustellen. Sollte dies so sein oder aber auch nicht, es funktioniert.

Wissend um die Gefahr, zum Techno-Barden zu werden, verzichtet Fritz Kalkbrenner darauf, zu viele Tracks mit seinen Vocals zu verzieren. Vielmehr verteilt er die poppigsten Stücke geschickt über das Album, so dass der „Sky And Sand“-Fan befriedigt wird. Unter Umständen übersieht er gar, dass Kalkbrenner sich im Kern auf Musik für „seine“ Clubs konzentriert. Zwar dominiert eine gewisse Leichtigkeit, eine zugängliche Poppigkeit auch die instrumentalen Stücke, dennoch entfalten sie die genügende Spannung und ermöglichen große bis sehr große Momente der Flucht. Sei es das Anziehen des Tempos in „Collage“, der pumpende, treibende Fluss von „Amy Was A Player“ oder das düstere „Grove“, sie alle helfen, Fritz Kalkbrenners Ruf als Techno-Produzent zu steigern. Gleichzeitig überfordern sie ebenso wenig wie das an Underworld erinnernde „Arms Of Mine“ oder das melancholische, sphärisch ambiente „Wichita Lineman“ die Pop-Hörer, die eigentlich vor allem ein, zwei, drei weitere Hymnen erwarten. Diese zwei Elemente – das Underworldeske und das analoge Instrumente imitierende Ambiente – sind es, die dem gesamten Album einen solch warmen, zugänglichen Charakter geben. Der wiederum wird im letzten Track „Out Of The Box“ noch einmal – sozusagen als bleibende Erinnerung – besonders betont.

Die erwähnten Hymnen gibt es natürlich und sie verteilen sich gleichmäßig über das Album. Zunächst aber empfängt Kalkbrenner den Hörer nach dem „Intro“ mit „Kings In Exile“, einer Nummer, die den sacht hüpfenden Beat aus „Sky And Sand“ aufgreift und in einen übermütigen, einen sich überschlagenden Track transformiert. Während Kalkbrenner dies perfekt inszeniert und das Stück sicher für Ekstase im Club sorgen kann, wirkt es auf „Here Today Gone Tomorrow“ wie ein Fremdkörper und irritiert zu Beginn. Aber gleich nachfolgend präsentiert Fritz Kalkbrenner mit „Right In The Dark“ den ersten Radio-Hit des Albums. Im Stile eines Remixes einer Soul-Nummer, in Form eines ebenso von Techno wie von Funk, aber sogar von Indierock geschulten Tracks nimmt „Right In The Dark“ gefangen. Minimal-(Techno-)Pop bietet Fritz Kalkbrenner in „Sideways And Avenues“. Dies ist wahrscheinlich der die Erwartungen am meisten erfüllende Track.

Bis auf die Knochen durchdringt dagegen die Atmosphäre in „Was Right Been Wrong“ den Körper. Produktion und Vocals bilden eine Einheit, die Gänsehäute verursacht. Weniger magisch, eher voller Klarheit und poppiger Eindeutigkeit präsentiert sich „Facing The Sun“. Die frühen Morgenstunden einer durchfeierten Nacht werden in die ersten melancholischen, wärmenden Klischee-Sonnenstrahlen getaucht. Hier und an anderer Stelle trägt Justin Lépanys Gitarrenspiel (sehr) viel zur Stimmung bei.

Fritz Kalkbrenner hatte mit seinem Album vermutlich die Aufgabe zu meistern, es vielen Geschmäckern Recht zu machen. Übertrieben formuliert musste er De:Bug-, Rolling-Stone- und Bravo-Leser gleichermaßen zufriedenstellen. Wahrscheinlich gibt es genug, denen das Ergebnis nicht schmeckt, aber die Mehrheit der Interessierten dürfte mit „Here Today Gone Tomorrow“ genau das bekommen, was sie erwarten.

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