Brian Eno – Small Craft On A Milk Sea

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Zarte Klavierklänge und flirrende Synthesizer, eine Harmonika schiebt sich hinüber. Die Eröffnungssequenz des auf Warp erscheinenden Hörfilms „Small Craft On A Milk Sea“ erzeugt Weite, Stille und Leere. Aus ihr hebt sich eine düstere Wolkenwand. Vor ihr glänzt die Sonne auf dem See, die Schwüle bedrückt. Das Hörbild besteht aus Gitarre, Synthesizer-Essenzen und dahingetupften Pianoanschlägen. Aus dem Hintergrund des Hafens löst sich ein kleines Gefährt, das Pulsieren des Beats, der klirrende Synthie und die zarte Gitarre suggerieren latente Gefahr sowie die Zerbrechlichkeit des Bootes. An der naheliegenden Küste marschiert eine Armee heran. Die Maschinen rumpeln; was in den Weg kommt, wird zur Seite gedrängt oder überrollt. Die Gefährte beschleunigen, scheinen etwas zu verfolgen. Querfeldein zur Straße galoppiert ein Pferd. Ob es geritten wird, ist nicht erkennbar. Flieht es? Will es die Armee erreichen? Die Bedrohlichkeit der Kulisse nimmt zu, die (Wolken-)Front nähert sich immer mehr, der Himmel ist fast vollständig verdunkelt. Synthesizer und Gitarren surren, pochen, poltern, singen. Der Beat klopft suggestiv weiter. Wut. Wüten. Der Himmel, wie die Wesen. Beatwirbel im Hintergrund. Aggression in der computergestützten Klangerzeugung, Verwirrung in den Gitarren. Ausbruch. Die Bildgewalt überrollt den Hörer. Ausblenden, aufblenden.

Nach dem Gewitter, der Boden von Knochen übersät, mit den Keyboardfiguren huschen Ratten über das Feld. Hüpfen von einem Haufen zum anderen. Die Visualisierung springt ebenfalls, mal hier, dann dort. Unruhig. Einzelne Bilder stechen heraus. Wenig bleibt. Langsam schreitet etwas heran. Der Staub tanzt in wilden Formationen über das Feld. Die Stärke des Windes erlaubt fragmentarischen Überbleibseln, weggetragen zu werden. Der Zuschauer schreitet in fast tänzerischem Rhythmus an den Bildern vorbei. Sie bleiben statisch, er bewegt sich. Die Vernichtung in ihrer zeitlichen Unzuordbarkeit erscheint ebenso zukünftig wie in der fernen Vergangenheit liegend. Die Geräusche des Niedergangs einer Epoche? Gitarren und pumpende Beats. Klappernd, klingelnd ist wenig eindeutig, alles offen. Gitarren und Bleeps treiben sich gegenseitig voran, übertrumpfen sich, suchen die Auflösung im jeweils anderen. Bis schließlich … sie von vorne beginnen.

Klirrende Kälte umfasst uns. Die Kamera zieht über eine weite weiße Fläche, deren Konsistenz nicht erkennbar ist, doch aus der nächtlichen Luft fallen glitzernde Kristalle aus. Der Mond am Ende eines Zyklus erscheint, kaum erkennbar, knapp über dem Horizont. Von den hohen Synthesizertönen getragen, geht der Blick aus dieser irdisch verlassenen Kälte hinauf. Die Erschaffung der Bilder folgt den gleichen Strickmustern, die Stimmung ändert sich kaum, die Bilder nehmen dennoch eine jenseitige Komponente an. Erfroren oder ohnmächtig. Glockenklänge wecken uns wie Nadelstiche. Haut, Ohren, alle Sinne werden von Schmerz durchflutet. Unter einem Haufen von Knochensplittern erwachen wir. Mit jeder Bewegung fallen neue auf uns herab, ritzen, pieken, außen, innen. Wir essen sie, wir atmen sie. Erneute Ohnmacht. Traum. Schönheit. Überwältigende Schönheit. Farben, Formen, Sinneseindrücke ohne Grenzen. Wohlklang von Effekten und Klaviertönen. Klarheit. Vollkommen.

Zurück in der Realität der Eingangssequenz. Die latente Bedrohung der (Klang-)Kulisse wird von einem Aufklaren am Horizont partiell kompensiert, wohingegen die daherwehenden Vokalfetzen sie verstärken. Doch … zwitschert dort ein Vogel?

Fasziniert und leicht erschöpft lässt das von Brian Eno mit Jon Hopkins und Leo Abrahams produzierte „Small Craft On A Milk Sea“ zurück. Diese, weitgehend improvisierten, instrumentalen und explizit als Klanglandschaften gedachten Stücke in dieser Geschlossenheit zu beschreiben, ist übertrieben. Das gilt vor allem, da manches Stück und auch das Album in Gänze gelegentlich nicht vollkommen schlüssig erscheinen.

Manches hier ist aufreizend, anderes ist fast tanzbar, das meiste erklingt in ambienter, den Hörer umfassender, ihn wie eine Wolke aus synthetischen Fasern umschließender Präsentation. Somit ist großen Teilen des Albums – und unter anderem seinem Abschluss – gemein, dass es gewollt die Hörnerven anstrengt. Eno versucht, die Klanglandschaften halbwegs offen zu gestalten, damit die Assoziationen zu den Klängen, die imaginierten Bilder etwas – von der Produktion unabhängiges – Individuelles besitzen, das dies Album, diese Musik für jeden Hörer eigen macht.

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