Robyn – Body Talk LP

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Vermutlich beruht die Veröffentlichungsstrategie Robyns im Jahr 2010 auf der Idee, Umsätze und Aufmerksamkeit zu maximieren, allerdings kann sich der Musikhörer oder gar der Fan nicht ernsthaft beschweren, er habe im Laufe des Jahres nicht dreimal wirklich gute Gegenleistung für sein Geld bekommen. „Body Talk“ erscheint pünktlich zum Weihnachtsgeschäft als Album und vereint große Teile dessen, was seit Juni auf drei EPs („Body Talk Pt. 1, 2, 3“) bereits erhältlich war – der letzte Teil erscheint parallel zum Album und ist als Download quasi ein Schnäppchen. Der Käufer des Albums wird sich ebenfalls nicht beschweren können, auch wenn ihm unter anderem die akustischen Versionen von „Indestructible“ und „Hang With Me“ sowie das einfach bezaubernde „Jag Vet En Dejlig Rosa“ vorenthalten bleiben.

Robyn präsentiert sich wie schon auf dem Vorgänger als Allzweckwaffe für den tanzbaren Pop mit Verständnis für jedes Genre zwischen House, HipHop und Dancehall, also vom Augenschein her als verachtenswerte Beschallung einer durchschnittlichen Studenten- oder Abi-Party. Auf den zweiten Blick offenbart sich allerdings das ungemeine Verständnis, Tracks zu präsentieren, die weit über den platten Viva-NJoy-YouFM-Anspruch hinausreichen. „Body Talk“ enthält ganz einfach fünfzehn Hits, die zwar – erneut vordergründig – primär als Gute-Laune-Beschallung taugen, die aber zudem in der Produktion einfach clever sind und tatsächlich in ihrer anspruchsvollen Eingängigkeit noch den steifsten Hintern zum Tanzen bringen. Anders formuliert, Robyn und ihre Komponisten und Produzenten schaffen hier einen universal verständlichen Pop, der eigentlich die großen Arenen der Welt bespielen sollte, aber aus irgendeinem Grund dies nicht tut, das wiederum macht es umso einfacher, diese Sammlung von Hits aus „Fembot“, „Hang With Me“, „Dancehall Queen“ und vielem mehr zu genießen, zu lieben und zu bewundern, in ihrer Mischung aus geschickter Eingängigkeit und mitreißender Cleverness – da sie eben nicht an jeder (sondern nur jeder zweiten) Ecke gespielt werden. Tatsächlich scheitert die Auswahl von Höhepunkten des Albums daran, dass eigentlich kaum ein Song abfällt. Insofern macht der Rückgriff auf die Tracklists der drei EPs Sinn, um eine Charakterisierung vorzunehmen. Wo Teil eins eher das Aufeinanderprallen von jamaikanischer und skandinavischer Dancehall repräsentiert, verschiebt sich auf Teil zwei der Fokus einerseits Richtung Pop, ohne – siehe „U Should Know Better“ mit Snoop Dogg – die Dancehall aus dem Blick zu verlieren, und es wird der Electro-Club stärker mit einbezogen. Der Abschluss – gleichzeitig die kürzeste der drei EPs – wiederum startet in diesem Club und bedient sich aus einer housigen Perspektive bei dem gerade so angesagten Eurodance-Revival. Was hier an anderer Stelle schon bemängelt wurde, funktioniert bei Robyn.

Klar formuliert: natürlich folgt „Body Talk“ einer typischen Chartpop-Rezeptur. Die Songs würden kaum aus dem Rahmen fallen auf Alben von Kylie Minogue, Usher, Lady Gaga, Katy Perry, David Guetta oder Britney Spears. Allerdings greifen deren Produktionen eben auch vielfach immer mehr Electro- und Dance-Elemente auf, die – wie es die unmöglichen Black Eyed Peas behaupten – einen Untergrund-Charakter besitzen (sollen). Der Unterschied zu Guetta oder den Peas ist, dass bei Robyn – wie auch bei Duck Sauces „Barbara Streisand“ – das echte Verständnis für diese Musik existiert und nicht nur platt und krampfhaft etwas auf „cool“ getrimmt werden soll. „Body Talk“ ist damit – wie auch der Erfolg von Armand van Helden und A-Trak als Duck Sauce – Ausdruck der Annäherung von sogenanntem Untergrund und Pop und – anders als erwähnte Abi-Party-Hits – dabei mit Verstand gemacht statt mit $, £, ¥ und € in den Augen.

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