Marcel Dettmann – Dettmann

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Es gibt Alben, deren Qualität springt einem sozusagen in die Ohren und doch berühren sie einen kaum. Marcel Dettmanns Albumdebüt „Dettmann“ gehört erschreckenderweise dazu. Knisternd und pulsierend weckt das einführende „Quasi“ Erwartungen, lässt einen voller Vorfreude warten auf das, was da kommen möge. Blubbernd erheben sich Bassblasen und platzen auf. Dieses Intro ist minimalistischer Techno mit einem tiefen Verständnis für die Möglichkeiten, die elektronische Musik in der Erschaffung stimmungsvoller Klanglandschaften besitzt, von Klangräumen, die zudem mitreißen und begeistern können. Dettmanns Talent zeigt sich gleich in den ersten zwei Minuten des gleichnamigen Albums in all seiner Größe.

Gerade diese Offenbarung der Möglichkeiten des Künstlers im Intro des Albums sorgt für die kommende Ernüchterung. Zwar setzt der Berghain-Resident im folgenden „Argon“ auf die gleichen Mittel, aber endet in dreiminütiger, monotoner Belanglosigkeit. Dieser Gegensatz zwischen begeisterndem Einstieg und sofortiger Zerstörung der Erwartungen prägt auch in gehörigem Maß den Rest des Albums. Aus jedem Takt, selbst jedem Ton spricht Dettmanns Verständnis für die Schaffung großer technoider Klangskulpturen mit minimalen Mitteln. Aber auf der Dauer der Tracks verliert sich diese Großartigkeit des Talents zu häufig in einer ungünstigen Dauerwiederholung der Motive, die Spannungsmomente und in gewissem Sinne auch Entwicklung der Stücke vermissen lässt. So – und es lohnt sich, diese Entwicklung des Albums chronologisch nachzuvollziehen – pumpt das dritte Stück „Screen“ zwar energisch durch die Boxen und bei genauem Hören findet sich sogar eine Entwicklung der eingesetzten Elemente und des Arrangements, dennoch dominiert die kontinuierliche Bassline das Stück. Dies ließe sich als hypnotisch bezeichnen, führt aber vornehmlich doch zu innerer Unruhe, zu einem Gefühl des enttäuschten Wartens auf die Evolution der präsentierten Musik.

Diese Monotonie des dominanten Klangelements – des Beats – prägt die Tracks des Albums. Um sie herum lagert Dettmann Klangstrukturen und Effekte rhythmischer Natur in einer Weise, dass sie die Funktion der Melodie im klassischen Song erfüllen. Obwohl eben auf den Rhythmus zentriert, besitzen die Stücke des Albums eine fast ambiente Atmosphäre. Es mag bösartig klingen, ist aber durchaus positiv gemeint, der bestimmende Charakter hier ist im Grunde ein meditativer.
Dies gilt auch für das stoisch vorwärts pumpende „Reticle“, dessen Spiel mit Bass und Subbass begeistert. Gleichförmig wie ein Herzschlag, jedoch leicht zu schnell, treibt der Beat durch „Irritant“. Hier tritt das Problem des unbeirrt voranschreitenden Beats am deutlichsten zu Tage. Inszenierung und Aufbau des Tracks um den Beat herum sorgen für positives Erstaunen, das jedoch nicht die durch den unerschütterlichen Rhythmus hervorgerufene Ermüdung überwinden kann. Am unauffälligsten wiederum ist dies Problem – obwohl weiterhin präsent – im düster-knirschend pochenden „Viscous“.

Um die hier getroffenen Anmerkungen zu relativieren, sei gesagt, dass sie zwar die für diesen Hörer repräsentative Wahrnehmung des Albums beschreiben, es aber durchaus Hördurchgänge gibt, in denen der Eindruck des Albums diesen Durchschnitt um Weiten überschreitet, in denen pure Bewunderung für Marcel Dettmann verbleibt.

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