Francesco Tristano – Idiosynkrasia

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Nicht vollkommen im elektronischen (Club-)Kosmos beheimatet fällt es leicht, Francesco Tristano und auch sein Projekt Aufgang bisher übersehen zu haben. Erst die Live-Uraufführung von „Auricle Bio On“ – seinem 2008er Album – zusammen mit Moritz von Oswald im kleinen Saal der Hamburger Laeiszhalle Ende November des Jahres 2010 brachte den Pianisten der Hamburger Philharmoniker ins Bewusstsein des Rezensenten. Dieser Auftritt führte zu einem sehr zwiespältigen Urteil; einerseits hinterließ er ungemein begeistert und auf einem hormonellen Hoch, andererseits konnte sich während der Stunde nicht eines gewissen Unwohlseins erwehrt werden, das Wechselspiel von Tristano mit von Oswald, von Piano und Electronica erschien streckenweise kein solches zu sein, sondern eher ein losgelöstes Nebeneinanderher der beiden Musiker, der Stile. Auf ein anderes Album in einem anderen Genre wurde von jemand anderem in den Weiten des Netzes das Bild gebracht, man höre gleichzeitig zwei eigenständige Radioprogramme, die gelegentlich zufällig miteinander harmonierten. Dies galt auch für den Auftritt in der Laeiszhalle, der aber eben nichtsdestotrotz den Hörer voller Begeisterung hinterließ.

Dort aufgeführt worden war, wie erwähnt, Tristanos in Kollaboration mit Moritz von Oswald entstandenes „Auricle Bio On“. Sein neues Album „Idiosynkrasia“ wiederum wurde von Carl Craig produziert. Craig und von Oswalds wiederum sind als Duo durch ihre Re-Composed im Gedächtnis geblieben, deren Re-Interpretation von Mussorgsky und Ravel vor zwei Jahren ebenfalls viel Anlass zur Kritik bot. Was ist also von „Idiosynkrasia“ zu erwarten? Die Verbindung aus klassischer Musik oder klassischem Instrument und Electronica (oder Techno) ist häufig schon schief gegangen. Auf jeden subjektiv gelungenen Versuch kommen vermutlich drei misslungene Aufnahmen.

Tatsächlich lassen sich die meisten Vorwürfe gegenüber diversen Lounge-, Chill-, Bar-Entwürfen der Verbindung aus Klassik und Techno auch auf „Idiosynkrasia“ übertragen. Eine gewisse Seichtheit, eine Cheesyness, der Kitsch, all das ist hier irgendwie leider auch vorhanden. Auch die Wahrnehmung einer gewissen Losgelöstheit der beiden Bestandteile der präsentierten Musik lässt sich nicht vollkommen ignorieren. Manch ein Stück wirkt gar wie aus B-Movie-Soundtrack-Bestandteilen neu zusammengemischt. Aber …

Aber wie schon bei Tristano und von Oswalds erwähntem Auftritt ist der Gesamteindruck ein solch begeisternder, ist das, was nach dem Hören bleibt, so erhebend, so mehr als einfach nur wohlgefällig, das die Vorbehalte, die beim Hören immer wieder auftauchen, wie weggewischt sind und ohne Mühe ignoriert werden können.

Wenn also vieles, was immer wieder in der Zusammenführung von Klassik und Techno falsch gemacht wurde, auch hier nicht perfekt umgesetzt wird, was macht „Idiosynkrasia“ dann so lohnenswert oder hindert es so erfolgreich am Scheitern? Den Erfolg sichert zunächst einmal Carl Craigs Produktionsgeschick, das die nötige Ausgewogenheit schafft, das vermag den latenten Lounge-Kitsch abzufangen. Zum andern aber muss Francesco Tristano selber gewürdigt werden. Klassische Ausbildung und musikalisches Verständnis schützen nicht vor dem Abgleiten in den Kitsch, das ist eine Binsenweisheit, aber Tristano hat ganz offenbar eine wirklich beeindruckende, eine zutiefst lohnenswerte Vision von den Möglichkeiten, die das Klavier als Element in der elektronischen Musik, sei es Ambient oder Techno, bietet. Hinzu kommt als Garant für den Erfolg die Vielfältigkeit des Albums.

Da findet sich neben einem puren Wohnraumstück wie „Last Days“, das rein von einem kaum bearbeiteten Klavier vorgetragen wird, der sphärische und mitreißende Weltraumelectrotrack „Fragrance De Fraga“, dessen Perfektion nahezu beängstigt. „Eastern Market“ wiederum ist eigentlich Electrofunk, doch das akustische Klavier gibt ihm eine überraschende und sofort zugängliche Erdung. Beispielhaft für die Umschiffung des Kitsch steht „Single & Doppio“, das einerseits den Beat voll zur Geltung kommen lässt, andererseits das Klavier in dauernd variierter Verzerrung einzeln und gedoppelt ein- und ausblendet und so durchgängig die Spannung extrem hochhält. Tristanos Geistesverwandtschaft zu von Oswalds Basic Channel Label kommt am deutlichsten in „Hello“, dem Abschlusstrack des Albums, zum Tragen.

Francesco Tristanos zentrales Anliegen ist es wohl, das Verständnis zu schaffen, dass das Klavier sowohl als Melodie- wie als Beat-Geber einen Platz in der elektronischen Musik verdient. Hierfür beispielhaft steht der vom Klavier in mehrfacher Hinsicht getragene Titeltrack, der zwar weder auf digitalen Beat noch auf Synthesizer-Melodie- und -Effekt-Momente verzichtet, aber eben doch ganz klar Tristanos Instrument ins Zentrum stellt. Melancholischer und ambienter geschieht dies auch in „Wilson“. Man kann sich durchaus fragen, ob die – übertrieben – Joshua-Kadison-Gedächtnisnummer „Nach Wasser Noch Erde“ dem Zweck ebenfalls dient, aber in ihrer wohligen Schönheit verzaubert sie den Hörer durchaus.

Francesco Tristano stand bereits mehrfach mit Craig und von Oswald zusammen sowohl auf der Festival- und wie auch auf der „ernsthaften“ Bühne. Im März 2011 werden sie diese Zusammenarbeit auch in die Hamburger Laeiszhalle bringen – diesmal in den großen Saal. Man darf gespannt sein.

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