Former Ghosts – New Love.

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Im Herbst 2010 reiste ein Triumvirat durch die Lande, um seine Musik live zu präsentieren. Über seinen Auftritt auf Hamburgs Kampnagel lässt sich sagen: dieser Schreiber fühlte sich seltsam unberührt von allen drei Auftritten des Abends. Dennoch gehören alle drei zugehörigen Alben zu den großen persönlichen Highlights des erwähnten Jahres. Zum einen traten an diesem Abend Jamie Stewarts Xiu Xiu und Nika Roza Danilovas Zola Jesus auf, die Eröffnung oblag jedoch Freddy Rupperts Former Ghosts. In gewisser Weise war es eben doch ein einziger Auftritt, berücksichtigt man, dass Former Ghosts im Grunde zwar Rupperts Projekt ist, aber sowohl Nika Danilova als auch Jamie Stewart nicht unwesentlich zum Gesamtcharakter des Albums „New Love.“ beitragen. Nika präsentierte auch live als Gast ihre Vocals.

So wie die Stimmung des Abends eine durchgängig emotional angespannte war, die Auftritte eine melancholisch düstere Schönheit verströmten, so eint auch die drei Alben – Zola Jesus „Stridulum II“, Xiu Xius „Dear God, I Hate Myself“ und Former Ghosts „New Love.“ – die Atmosphäre einer überbordenden Verzweiflung, die nicht nur eine geistige, sondern fast eine körperliche Aggressivität, Rohheit und Erbarmungslosigkeit besitzt.

In besonderem Maße gilt dies für Former Ghosts „New Love.“, auf dem Synthesizer und Percussion, experimentell querlaufende Klänge und Rupperts Gesang eine noch einmal sehr spezielle, ergreifende und erschöpfende Kulisse bilden. Einerseits trägt natürlich besonders Jamie Stewarts Percussion-Zauberwerk zur Atmosphäre bei, andererseits ist es aber eben der Gesang, das Gefühl, er käme direkt aus deinen Gedanken, der einen staunend und begeistert zurücklässt. Tatsächlich erscheint das Hören von „New Love.“ über weite Strecken, als habe ein psychotischer Schub eingesetzt, als kontrolliere jemand anders – Freddy Ruppert – das eigene Sein. Wo das körperlich angreifende auch auf „Stridulum II“ und „Dear God, I Hate Myself“ präsent ist, nimmt es hier in der fast unkontrollierten Rohheit der übersteuerten Beats und Synthesizer-Melodien, sowie der gepressten Vortragsweise der Vocals, eine kaum erträgliche Wucht an. Es erscheint kaum glaublich, jedoch wirken die von Nika Roza Danilova vorgetragenen Stücke fast wie eine Erholung. Ihr Gesang durchbricht den Eindruck der Persönlichkeitsspaltung und lässt – besonders in „Only In Time“ – Bruchstücke der Realität an einen heran, wobei diese Stücke auch – vor allem „Chin Up“ – gleichzeitig die Aggressivität der Arrangements noch einmal steigern und die Intensität der Angst und Verzweiflung in ungeahnte Höhen treiben. Former Ghosts bereiten auf „New Love.“ Schmerzen und verzaubern doch in der unbeschreiblichen Schönheit, die das Album verströmt. Tatsächlich hat das Label recht, wenn es schreibt, diese Musik befreie und erinnere uns gleichzeitig an die Notwendigkeit, nach Freiheit und Heilung zu streben.

Natürlich drängen sich Vergleiche mit Interpol oder sogar Joy Division auf, lassen sich aber über weite Strecken ignorieren, werden allein übermächtig in „And When You Kiss Me“ – ohne jedoch die Qualität zu mindern. Es wird nicht kopiert, Ruppert lässt sich inspirieren. Auch ohne diese Vergleiche lässt sich sagen: „New Love.“ ist eine emotionale Horrorbahnfahrt in Musik gegossen, wie sie selten erlebt wird. „New Love.“ laugt aus und macht in all der poppigen Dunkelheit ungemein glücklich.

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