Anika – Anika

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Erkenntnis kommt spät, manchmal zu spät. Glücklicherweise kam sie hier noch rechtzeitig. Das Lob der Spex für Anikas Debüt und der Song auf der beiliegenden CD waren nicht überzeugend. Wieso eigentlich nicht? Der Albumstream im Internet verzauberte vom ersten Moment. Und womit? Mit Recht. Anikas Debüt-Album, das kaum mehr ist als ein Unfall des Schicksals, ist ein absolutes Meisterwerk und steht über jeden Zweifel erhaben auf einem Spitzenplatz der persönlichen Alben des Jahres 2010 dieses Rezensenten.

Voller leidendem Weltschmerz treiben Produzent Geoff Barrow (u. a. Portishead), seine Band Beak> und Sängerin Anika den Hörer vor sich her, lassen ihn teilhaben an Verzweiflung. All das, was Portishead und insbesondere deren letztes Album so überragen ließ und lässt, findet sich hier wieder, gegossen in ein poppiges, waviges, no-waviges, dubbiges Klangkonstrukt, das uns umfängt, einverleibt. Anikas Debüt beschreibt die Welt am Rand des Wahnsinns und bringt uns eben dorthin.

Besagter elektronischer Dub-Rahmen umfasst voller Pop-Melancholie alles von Punk über Wave bis hin zu Folk und Experimental-Rock. Vieles dabei sind Cover-Versionen, die aber so eigen und gelungen vorgetragen werden, dass jede Erinnerung an die Originale nahezu ausgelöscht wird. Beispielhaft dafür steht Dylans „Masters Of War“, das als gebremster Reggae-Minimalismus zur Mitte das Album bestimmt. Die gleiche minimalistische Reduktion prägt weite Teile des Albums ebenso wie eine rhythmische Bestimmtheit der Arrangements. Anikas Stimme erklingt darüber zumeist ein wenig entrückt, ohne jedoch jemals unterzugehen.

Dringlich, experimentell und gleichzeitig poppig, Anikas selbstbetiteltes Debütalbum und ihr Stil lassen sich einerseits weit zurückverfolgen in die Vergangenheit zu Nico und anderen – dazu trägt vor allem auch Geoff Barrows Vorliebe für quasi-antike Drum-Machines und Synthesizer bei –, andererseits stehen sie zutiefst im Hier und Jetzt, was nicht nur an der Verbindung zu Barrows und Portishead liegt, sondern ebenso in einer augenscheinlichen Seelenverwandtschaft zu Soap&Skin zum Ausdruck kommt.

Wo die tragische Poppigkeit von Stücken wie „Terry“, „I Go To Sleep“ und „Sadness Hides The Sun“ im Anika’schen Soundgewand den Hörer gleich in Beschlag nimmt, „End Of the World“ ihn in die Depression treibt, verleihen ihm „Masters Of War“ und „No One’s There“ wütende Kraft. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit diese altmodisch-zeitlose Musik die unterschiedlichsten Gefühle anregt und verstärkt. Es ist kaum erklärlich, wie die Verbindung von dominanten, eher monoton stampfenden Dub-Beats und Anikas entschiedener, leidender, wütender, allbewusster Stimme eine solch intensive Wirkung erzielen kann. Aber dass sie es schafft, macht „Anika“ zu einem der Alben 2010.

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