Wir Sind Helden – Bring Mich Nach Hause

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Reif. So lässt sich am Ehesten beschreiben, wie sich Wir Sind Helden nach der (Baby-)Pause präsentieren. Diese Mündigkeit steht dabei im Widerspruch zum Ungestüm, mit dem sie zu Beginn ihrer Karriere zu Werke gingen. Eine Erregung, die im Grunde kontinuierlich abnahm über die Alben, und die natürlich auch auf „Bring Mich Nach Hause“ noch ab und zu aufkommt. Doch selbst diese Heftigkeit der Band wirkt heute geerdeter, durchdachter, kundiger als zuvor. Vor allem aber widerspricht die zu Tage tretende Erfahrung der Musiker der Seichtheit vieler der Bands, die erst im Zuge der „Wir Sind Helden“isierung des deutschen Pop die Chance, die Lizenz zum Erfolg erhielten. Dies bedeutet: Wo auf „Bring Mich Nach Hause“ häufig, vielleicht fast zu intensiv, voller Melancholie zu Werke gegangen wird, Bläser, Streicher und dunkle Männerchöre – im Titelstück zum Beispiel – ihr volles Recht bekommen, wirkt dies nie aufgesetzt oder effekthaschend, nie durch und durch kitschig, vielmehr transportiert es die empfundene, beobachtete oder auch nur erfundene Situation oder Emotion ehrlich, unverkrampft und nicht zuletzt meist mit einem sympathisierenden und sympathischen Augenzwinkern in Text und Arrangement.

Die Entwicklung der Band, das Durchdachte ihrer neuen Art zu Musizieren, das Wissen um das, was richtig ist, dem Stück dient, all dies zeigt sich in der Vielfalt der Stücke, die in sich ruhend, einfach bleiben und auf übergroßen Pomp verzichten. Während manch Wortspiel im Text, manch lyrische Figur durchaus übertrieben wirken mag – ohne jedoch zu stören –, lässt die Band allein „Im Auge des Sturms“ die Zügel lockerer und gibt der Vertonung des Song-Namens den Vorrang. Neben „Im Auge Des Sturms“ und „Was Uns Beiden Gehört“ überwiegen jedoch die leisen Töne. Schon Albumeröffnung und Vorab-Single „Alles“ nimmt sich bei aller treibender Dringlichkeit der Instrumente durchweg zurück. Mögen Klavier und Schlagzeug noch so versuchen, zur großen Radio- und Festivalhymne loszustürmen, hält der Gesang sie selbst im Refrain im Zaum und sagt „Alles vergebens“. Ähnlich erklingt „Die Träume Anderer Leute“. Zudem finden sich zwar mit „23:55 Alles Auf Anfang“ und „Kreise“ zwei weitere energische Hymnen, den Gesamteindruck aber prägen die sehr ruhigen Stücke, die introvertierten Balladen, die zart und gelegentlich fast zerbrechlich wirken. Das sind nicht nur die beiden Lieder der Erschöpfung „Nichts Was Wir Tun Könnten“ und „Bring Mich Nach Hause“, das countryeske „Flucht In Ketten“ oder das sommerliche „Die Ballade Von Wolfgang und Brigitte“, besonders bestimmt diesen Eindruck sicherlich „Meine Freundin War Im Koma Und Alles Was Sie Mitgebracht Hat War Dieses Lausige T-Shirt“.

Braucht jemand, braucht vielleicht gar der ‚Deutsche Pop‘ dieses Album? Wohl kaum. Nichtsdestotrotz ist es ein wohltuendes, ein einfach gefallendes Pop-Album, dessen Mehrwert wohl darin besteht, dass relativ wenig auf die Absatzzahlen geschaut wurde, dass die Band sich nicht zu verbiegen versucht. Sind Wir Sind Helden durch? Möglicherweise; eher jedoch haben sie ein Plateau des Schaffens erreicht. Sollten sie – entgegen aller Anzeichen auf „Bring Mich Nach Hause“ – weiterhin unbedingt die ganz großen Bühnen spielen wollen, wird wohl ein nächstes Album potentiell ganz anders und erfolgsheischend sein. Sollten sie jedoch einfach ihr Ding machen wollen, kann man nur hoffen, dass ihr Publikum flügge geworden ist, während die Band vom Leben – nicht dem schweren, sondern dem alltäglichen – geformt wurde.

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