Underworld – Barking

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Eine einfache Wahrheit der Musik ist: Underworld klingen immer wie Underworld. Allerdings konnte man im Vorfeld der Veröffentlichung des neuen Albums namens „Barking“ an dieser Weisheit zweifeln, denn der Vorab-Download „Scribble“ klang irgendwie deutlich anders – bei den ersten Hördurchgängen. Dafür gab es auch eine simple Erklärung, hatten Rick Smith und Karl Hyde ihre Produktionen doch an andere Produzenten geschickt, die dann die Tracks zu Ende produzierten. Unter den Kollaborateuren finden sich so illustre Namen wie Paul van Dyk und Applebim. Allerdings relativiert sich dieser Eindruck langfristig. Es gibt also noch einfache Wahrheiten und somit klingen Underworld (fast) immer wie Underworld.

Aber wie klingen sie nun auf „Barking“? Bei aller sowohl tranciger wie dubbiger Verfeinerung der Stücke steht weiterhin der hymnische Electro-Sound im Zentrum, der auf die Auslösung der größtmöglichen Emotion beim Hörer zielt. Das heißt, während die Produktionen durchaus vielschichtig sein können, einzelne Effekte vielleicht sogar verstörend wirken mögen, stehen am Ende doch die pumpende Bass-Line sowie der geschickte Bruch im Mittelpunkt und eine für elektronische Musik außergewöhnliche Wärme durchströmt die Stücke, wozu nicht zuletzt Karl Hydes Gesang beiträgt. Manch einer wird meinen, ein neues Underworld-Album sei so spannend wie eine neue Episode einer beliebigen Soap-Opera im Fernsehen, aber tatsächlich funktioniert das Rezept „Underworld“ weiterhin außergewöhnlich gut.

Aus dem Rahmen der Rave-Electronica fallen partiell das sphärische, ambient angehauchte „Moon In Water“ wie auch das abschließende Rick Smith’sche Piano-Stück „Louisiana“ heraus – wobei auch diese atmosphärische Inszenierung durchaus eine der beiden typischen Seiten der Band Underworld ist. Zudem geben Applebim und Al Tourette „Hamburg Hotel“ eine hektisch pulsierende, weniger zielgerichtete Ausrichtung als dem Durchschnitt des Albums innewohnt.

Die durchaus verdiente Begeisterung, die das Album auszulösen vermag, rührt aber vor allem von den energetischen Hymnen. Schon das eröffnende „Bird 1“ – wie auch „Grace“ mit Ko-Produktion von Dubfire – baut die Spannung beim Hörer bis zum Zerreißen auf, um sie dann effektiv in körperlicher Erschöpfung aufzulösen. Mark Knight hilft, dass „Always Loved A Film“ dort direkt anschließt und innerliche wie lauthals geäußerte Begeisterungsstürme produziert – mag das Video noch so langweilig erscheinen, das Stück ist ein Hit. Spätestens hier kann dem Hörer nicht übelgenommen werden, wenn er durch die Wohnung tanzt und mit der Faust Löcher in die Luft stößt. Wenn High Contrast bei Scribble dann den Drum’n’Bass in den Underworld-Kosmos einführt oder ihn zumindest betont, ist endgültig klar, dass „Barking“ kaum noch etwas falsch machen kann. Den Rave perfektionieren Underworld mit „Between Stars“ – erneut unter Mithilfe von Mark Knight –, einem Stück, das direkt an ihre größten Glanztaten anschließt. In die gleiche Richtung zielt auch Paul van Dyk in seiner Verfeinerung von „Diamond Jigsaw“.

Es ist erstaunlich: vor und nach dem ersten Hören von „Scribble“ konnte man durchaus das Schlimmste für das Album erwarten, doch bereits beim ersten Hördurchgang des Albums wischen Underworld alle Zweifel beiseite und geben erfolgreich unseren Affen eine Menge Zucker. „Barking“ ist tatsächlich ein unerwartet gutes und belohnendes Album.

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