Stella – Fukui

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Es ist unklar, wie viele Menschen tatsächlich auf ein neues Stella-Album gewartet haben. Sicher jedoch ist: was sie nun unter dem Titel „Fukui“ zu hören bekommen, haben sie nicht kommen sehen. Drei Säulen tragen Stellas Musik nach Jahren der Pause – House, Krautrock und die Neue Musik. Während House und Krautrock sich in der Struktur der Rhythmen finden, gibt die so genannte Neue Musik den Arrangements den Rahmen und definiert den Einsatz von Klavier oder piano-artig eingesetzten Tonfolgen. So erhebt sich auf diesem Fundament vor allem das, was Stella immer hervorragend konnten: Pop – auch wenn es sich um eine äußerst unterkühlte Spielart handelt.

Die Kälte im Klang auf „Fukui“ rührt nicht zuletzt her vom Eindruck, Instrumentierung und Elena Langes Gesang fänden auf zwei unterschiedlichen Ebenen statt. Es handelt sich zwar immer um eine Einheit, es wirkt also nicht irgendwie mutwillig zusammengestückelt, allerdings scheint der Hörer einem akustischen Schauspiel zu folgen, bei dem die Akteure an zwei sowohl horizontal wie auch vertikal weit entfernten Orten im Raum aufträten. Dies zwingt tatsächlich aber auch zur Feststellung, in der Mehrzahl funktionierten die Stücke auch ohne Elena Langes Vocals. Ein Urteil, das auf den bisherigen Platten der Band Stella unmöglich gewesen wäre. Allerdings geben Langes japanische Texte den Stücken eine weitere Dimension, fügen dem Gesamtklang an Besonderheit hinzu, machen aus elektronischen, melancholisch tanzbaren Tracks Popsongs. Der für die Mehrheit der Bevölkerung unverständliche Vortrag auf Japanisch führt dabei zu einer Geschlossenheit der Poppigkeit; denn besteht nicht ein guter Teil des Pop-Appeals eines Stücks in der Möglichkeit, in einem eingängigen Stück Musik das zu verstehen, was das Gehirn aus gesungenen Klängen macht? Die Imaginationen, die der Wahrnehmung folgen, erhalten hier ein maximiertes Spielfeld.

Dieses Spiel mit Pop ist am geringsten in „Nobody Can Do Me No Harm“, dem einzigen rein englisch betitelten Stück des Albums und zugleich jenem, das in seiner gesamten Inszenierung am ehesten an frühere Platten von Stella erinnert. Als ein Markenzeichen der Band kann unter anderem eine Hemmungslosigkeit in der Nutzung der Möglichkeiten gesehen werden. Dieser Mangel an Angst vor neuen Ausdrucksformen, solange sie denn nur spannend und passend erscheinen, tritt, besonders in „baasuruumu gaaru (Bathroom Girl)“ hervor. Das Stück begeistert in seiner perfekten Verbindung der housig-technoiden Ästhetik im Arrangement mit Mitteln eines new-wavigen Songwritings und Elena Langes durchaus expressivem Gesang.

Dennoch erscheinen andere Stücke (noch) spannender. Aus der Reihe tanzt dabei sicherlich die zart verhallte Gitarrenballade „suki na mono (My Favourite Things)“ – inklusive Meeresrauschen. Eher typisch ist da schon die Albumeröffnung „akusesarii aftaa za fakuto (Accessory After The Fact)“ mit ihrem monoton stampfenden Beatgerüst, den nervös zitternden Becken, einzeln eingeworfenen Piano-Noten und darüber, daneben gelagertem, losgelöstem Gesang. Einerseits stößt dies vor den Kopf und nimmt doch sofort gefangen. Ähnlich aber noch expressiver folgt „saino wa jikau no muda (Talent Is A Waste Of Time)“. Weniger aggressiv dem Hörer gegenüber und somit einfach nur begeisternd präsentieren Stella „sandaabiido (Thunderbird)“, dessen Monotonie und erschöpfte Restenergie hypnotisieren. Den krautrockig tanzbaren Charakter des Stücks führt die Band in „shinsen (Shinsen/Fresh)“ weiter und optimiert ihn. Dagegen gibt sich „warawanaideyo (Don’t Laugh)“ verspielt und hüpft munter voran hin zum gekünstelten Musical-Finale.

Sechs Jahre vergingen seit Stellas letztem Album und in dieser Zeit haben sich Band und Popmusik deutlich weiterentwickelt. Wo die Popmusik jedoch zwischen Evolution und Devolution hin- und herpendelt, zeigen Stella einen echten Fortschritt. Zwar muss „Fukui“ durchaus erarbeitet werden, allerdings lohnt sich die Arbeit. Vermutlich wird es dennoch ein Nischen-Album sein, allerdings wird die entsprechende musikalisch-ökologische Randgruppe sicher nicht aussterben oder auf diesem Level stehenbleiben wie so manch andere musikalische Familie.

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