PVT – Church With No Magic

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Inzwischen sollte jeder wissen, dass PVT die aus Rechtsgründen um ihre Vokale beraubten Pivot sind, welche uns 2008 mit „O Soundtrack My Heart“ wegfegten. Aber auch musikalisch ist auf dem Nachfolger „Church With No Magic“ manches anders. Deutlichste Neuerung bildet sicher die Stärkung des Gesangs, die wiederum mit- oder sogar hauptverantwortlich ist für den poppigeren Appeal des Albums, auf dem aus Tracks tatsächlich Songs werden. Die Stücke verströmen so meist nicht mehr die ungestüme Energie des Vorgängers, berühren nur wenig und plätschern gelegentlich sogar eher so am Hörer vorbei.

Das mathematisch korrekt Inszenierte, die erwartete Komplexität bleibt Element der Musik, die Zugänglichkeit wird jedoch erhöht und vielleicht deshalb die Spannung der Stücke reduziert. Zwar startet „Light Up Bright Fires“ im bewährten Stil mit pulsierendem Schlagwerk und vielfach geschichteten Synthesizer-Spuren, die eine düstere Atmosphäre erschaffen. Allerdings laufen die beabsichtigten Emotionen ins Leere. Der Hörer sitzt unterkühlt davor und fragt sich: „Na und?“ Auch das Titelstück ereilt das gleiche Schicksal. Technisch sowie das Können und die Ideen bewertend ist das ganz großes Kino, aber der Hörer wird außen vor gelassen. Er bewundert auf eine wissenschaftlich kühle Art den präsentierten Phänotyp, untersucht den Genotyp, aber emotional bleibt er unbeteiligt. Vielleicht liegt dies an der prätentiösen Präsentation der neuen Poppigkeit, an der Verbindung dessen, was PVT so einzigartig macht mit einem Depeche-Mode-artigen Drama, … Allerdings ist dies eine durchaus positive Kombination, so dass nur die Umsetzung nicht ausreichend zu gelingen scheint? Wie auch immer, „Church With No Magic“ als ein schlechtes Album zu bezeichnen, wäre ein Fehler, nicht nur, weil PVT mit „Window“ ein Math-poppiges Glanzstück schaffen, das die neue Poppigkeit in idealer Weise nutzt, und in eine Songperle münden lässt, die Freunde verschiedenster Genres begeistern dürfte. Überhaupt scheinen die problematischeren Stücke eher jene zu sein, in denen PVT weder der Poppigkeit noch dem Experimentellen volle Freiheit zugestehen. Neben „Window“ schöpft auch „The Quick Mile“ vollkommen aus der neuen Zugänglichkeit – auf eine PVT’sche, nicht auf eine seichte Art – und „Timeless“ schließt direkt an der Intensität des Vorgänger-Albums an.

Das Spröde des neuen PVT-Albums verdeutlicht eigentlich bereits die einleitende Miniatur „Community“, die aus Synthesizer-Oszillationen einen mehrstimmigen Choral erklingen lässt, ein Vorgehen, das außerhalb des Vangelis-Fanclubs wahrscheinlich eher selten auf Gegenliebe trifft. Hier und im ebenfalls vornehmlich sphärischem „Waves And Radiation“ zeigen PVT, dass ihr Weg nicht zwangsweise zu einem Post-Rock-Prog-Electro-Math-Warp-Pop-Meisterwerk führen muss – was in der Tat die Erwartung für ein nächstes Album sein muss –, sondern dass ein nächstes Album ebenso eine Kooperation mit dem Hilliard Ensemble sein könnte, die dann nicht auf Warp, sondern bei ECM erscheinen würde. Was auch immer die Zukunft für und von PVT bereithält, „Church With No Magic“ ist gut und doch irgendwie eine Enttäuschung.

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