Harmonious Thelonious – Talking

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Wie lange hält man die Wiederholung einer Tonfolge aus? Nehmen wir einen Ton: Tüt, Tüt, Tüt, Tüt? Oder sind zwei Töne besser: TaTü, TaTü, TaTü, TaTü? Drei? TaTöTi, TaTöTi, TaTöTi, TaTöTi? Vier? TaTaTüTi, TaTaTüTi, TaTaTüTi, TaTaTüTi. Nehmen wir an, es gebe Variationen bei fünf Klängen. TiTaTöTüTo, TiTaTöTüTo, TiTaTaTüTo, TiTaTöTüTo. Änderungen gefunden?

Jetzt nehmen wir in einem zweiten Schritt an, diese Folgen wären von den Geräuschen einer Menschenmenge – tanzend, feiernd, klönend, jubelnd – unterlegt, dauere so um die sechs Minuten und wäre auf CD gepresst. Zudem handele es sich bei den Klangfolgen um digitale – aber den Eindruck des Analogen, des Handgemachten erweckende – Trommeln und weitere Beatgerüste aus dem Sequencer.

Was das ist? „Talking“, Stefan Schwanders neues Album unter dem Pseudonym Harmonious Thelonious. Das ist zudem beeindruckend. Imposant wie ein Atomtest im Pazifik, imponierend wie einen Läufer den Marathon in unter zwei Stunden und zehn Minuten laufen und sich danach die Seele aus dem Leib kotzen zu sehen, außergewöhnlich wie eine Elektronenmikroskop-Aufnahme eines Fliegenauges, einzigartig wie Thomas Manns „Zauberberg“, faszinierend wie die Suche nach dem Higgs-Bosom und blendend wie die Werbekampagnen der Energiekonzerne.

„Talking“ von Harmonious Thelonious ist also ein verdammt grandioses, sozusagen ein „geiles“ Album, noch mehr aber ist es enervierend bis zum Geht-nicht-mehr. Aus einer rheinischen Tradition heraus setzt Schwander fort, was unter anderem von Kraftwerk angestoßen wurde und heute von Kompakt gepflegt wird. Es stimmt schon – und das macht es dem latent überforderten Rezensenten einfach –, wenn die Informationen des Labels zum Album „dynamische Harmonie- und Rhythmusmuster“ erwähnen, die eine „hypnotische Voodoo-Atmosphäre“ erzeugen.

Natürlich ist „On Stages“ ein ansprechender, repetitiver, intensiver Thriller-Road-Trip-Score, und „Primitive, Persuasive, Provocative Percussion” optimiert jeden vorhergehenden Versuch, ein naturverbundenes, orgiastisches Initiationsritual in Musik zu bannen. Es macht zudem jede weitere Anstrengung in diese Richtung überflüssig. Auch das abschließende „Verwobene Muziek“ führt in seiner verspielten Art das Geniale am Talent Stefan Schwanders vor Augen.

In der Tat schafft Schwander mittels des Sequencers repetitive Rhythmen basierend auf kleinsten, harmonisch ineinandergreifenden Motiven, deren tribalistischer, ritueller Gestus dazu auffordert, sich in einer Art regressiven Tanzes in einen „natürlichen“ Urzustand zurückzubewegen. Das melodische Geschick, mit dem die wiederholten Takte abgestimmt sind und variiert werden, ist bewundernswert. Jedoch ist die Monotonie der Stücke und des Albums im Resultat nicht nur fordernd, sondern überfordernd.

Unter Umständen – Konstellationen, die mit ziemlicher Sicherheit die Einnahme bewusstseinserweiternder Substanzen oder einen Grundzustand nahe am Zen voraussetzen – kann das ekstatische Auswirkungen haben, für den durchschnittlichen Konsumenten oder Fan oder Musikliebhaber ist das ungefähr so interessant wie eine zweistündige Phoenix-Dokumentation über das Paarungsverhalten der Nacktschnecken, eine Live-Übertragung der nächsten Mission zu den Ringen des Saturn oder die Endkämpfe im Hundeweitsprung. Man mag es … oder eben nicht. Die testende Auseinandersetzung damit lohnt sich aber auf irgendeine Art und Weise vermutlich schon.

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