Grand Valley State University New Music Ensemble – Terry Riley: In C

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Über eine Aufführung, eine Einspielung von Terry Rileys „In C“ zu schreiben, verlangt über Neue Musik zu schreiben, über Minimal Music, es bedeutet, Terry Riley zu thematisieren und näher auf seine Komposition einzugehen. Auch der spezifische Interpret ist eine gesonderte Erwähnung wert. Oder reicht es vielleicht doch, sich allein auf die konkrete Form der Einspielung zu konzentrieren?

Im Jahr 2009 präsentierte das Grand Valley State University New Music Ensemble seine zweite CD „In C remixed“ mit einer Einspielung des Stücks und seiner Weiterbearbeitung durch eine Reihe von Remixern. Der Komponist selbst sprach von der CD als einer der besten Aufführungen von „In C“ und nannte die Remixe ein alternatives Universum des Stücks, das ihn zum Lächeln brachte und manchmal begeisterte. Hier nun erscheint auf Ghostly eine Live-Aufnahme aus dem Le Poisson Rouge in New York City aus dem November 2009. Dem Ensemble zur Seite steht Dennis Desantis, der mit Laptop und Effekten das Stück am Rande begleitet und verziert.

Kern der Komposition ist ein bedingt zufälliges Agieren der Instrumentalisten, das heißt, die Vielstimmigkeit und die Heterophonie, die gleichzeitige unterschiedliche Variation einer Stimme werden verstärkt durch das verschobene Spielen der aufeinanderfolgenden Phrasen des Stücks durch die Musiker. So entsteht eine außergewöhnliche Atmosphäre, die Harmonie und latent kakophonische Momente nebeneinander stellt. Dies schafft eine Perfektion der Spannungsbögen, die zudem aus dem gelungenen Einsatz der Möglichkeiten der Stille gewinnen. Zusätzliche Neugier beim Hörer entsteht zudem in geschickt und sogar beeindruckend reduzierten Phasen.

Die flexible Länge der Komposition wird hier so zu einer einstündigen Erkundung der Möglichkeiten geplanter musikalischer Freiheit. Wohlklang und Verzauberung entstehen aus einer scheinbar losen Aneinanderreihung und Überlagerung der musikalischen Elemente, der instrumentalen Einzelspieler. Der Zusammenklang erhebt sich majestätisch aus der sukzessiven Enthüllung der Möglichkeiten.

Gleich zu Beginn erklingt ein schrilles Klarinettensolo, das von gezupften Streichinstrumenten oder gestrichenen Zupfinstrumenten abgelöst wird und wieder hinüber leitet in sich umspielende Einzeltöne der Ensemblemitglieder. Die Töne erklingen geschlossen beieinander, eröffnen jedoch im Ohr des Hörers große Weiten, eine unsichere Offenheit des Denk- und Realisierbaren. Vollkommene Melodiesegmente, zu denen jedes Instrument nur einen Ton beizutragen scheint, ekstatische Eskalationen der Harmonie und scheinbar gegeneinander Klingendes ergeben eine kaum greifbare Faszination. Besonders zur Mitte treibt das Wechselspiel der musikalischen Linien die Spannung und die Emotionen des Hörers voran. Wohlklingende Tonfolgen verlieren sich rasch wieder in monoton repetitiver Wiederholung von Motiven, sie verschwinden in perkussiver Rhythmik, die von eigentlichen Leit-Instrumenten vorgegeben wird. Hinzu kommen die digitalen Beiträge Desantis, die in ihrer subtilen Überraschung überzeugen.

Die Gereiztheit der Hörnerven, die Neugier des Hörers werden durch liebreizende Melodiebögen aufgehoben oder vielleicht doch eher provoziert. Die Inszenierung übersteigt die traditionellen Räume orchestraler Musik, folgt den verspielten Ideen des Komponisten, gleitet aber nie in das Kindische ab, das durchaus möglich wäre. In der einstündigen Wucht führt die Aufführung tatsächlich zur Überwältigung des Hörers. Die musikalische Vielfalt, die Spielfreude und Genialität, technisches Geschick und emotionale Tiefe der Aufnahme lässt sich wissenschaftlich genau betrachten, aber viel größer ist die Begeisterung, sich von der Eingängigkeit dieser vielschichtigen Präsentation ergreifen zu lassen.

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