Joanna Newsom – Have One On Me

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Die Krönung des musikalischen Jahres 2006 erschien kurz vor seinem Ende und hörte auf den Namen „Ys“. Joanna Newsoms zweites Album eroberte nicht nur die Feuilletons im Sturm. Der unvoreingenommene Hörer konnte jedoch den Eindruck gewinnen, die Begeisterungsstürme entsprängen gelegentlich weniger der Qualität des Albums als vielmehr der – unter Popmusik-Gesichtspunkten – musikalischen Außergewöhnlichkeit der Platte. Ihr drittes Album veröffentlicht Joanna Newsom nun zu Beginn des Musikjahres 2010 und in aller Kürze: „Have One On Me“ ist erneut ein außergewöhnliches Album. Dies lässt sich schon allein – und vielleicht nur – deshalb sagen, da es ein Dreifachalbum ist. Eines, von dem jede Platte für sich genommen ein sehr gutes Album dargestellt hätte und dessen Essenz unter Umständen auch auf ein oder zwei CDs Platz gefunden hätte. Der Vorwurf, es fehle Newsom an der Fähigkeit, sich zu beschränken, trifft vielfach auch auf die Stücke selbst zu.

Musikalisch ordnet sich „Have One On Me“ vordergründig in das inzwischen weite Fach der weiblichen Folkmusikerinnen ein, die ihre zeitlosen Ideen zu einem guten Teil aus einer romantisierten Vorstellung der Vergangenheit musikalisch folkloristischer Motive ziehen. Dieses äußere Erscheinungsbild, das vielfach die tieferen Werte überdeckt, hebt sich wenig von Vorgängerinnen wie Kate Bush oder Tori Amos und Zeitgenossen wie Marissa Nadler oder The Owl Service ab. Natürlich besitzt Newsom weiterhin ihre Harfe und ihre mal kindliche, mal unsaubere, immer faszinierende Stimme. Diese kommt hier – neu geschult – deutlich poppiger und feist’scher daher, ohne ihren Alleinstellungscharakter zu verlieren.

„Have One On Me“ hebt sich aber sehr wohl ab von anderen Alben der Gemeinschaft der Folksänger(innen). Joanna Newsom bewegt sich jenseits des Alternative-Folk-Äußeren auf kaum beschreibliche Weise und mit außergewöhnlicher Sicherheit zwischen Kunstlied und Blues, Pop und Gospel, Kammermusik und Americana oder aber gar orientalisch anmutenden Klangfolgen und Jazz-artigen Arrangements. Sie und ihre Helfer vermögen es, all diese Elemente zu einem schlüssigen Bild zusammenzufügen und dies nicht nur im Kontext des Albums, sondern auch innerhalb der einzelnen Stücke. So entsteht ein in jedem Moment überraschendes und in seiner künstlerischen wie technischen Umsetzung nahezu perfektes Album. „Have One On Me“ ist eine einheitlich harmonische und doch nie monotone klangliche Perle. Seien es Newsoms Gesang, ihr Harfen- oder ihr Piano-Spiel, seien es die zusätzlichen Bläser oder Streicher, Gitarre, Bass oder perkussive Rhythmusgeber, jeder Klang, jede Tonfolge ist vollendet.

Diese Perfektion selbst in den komplexesten Arrangements erscheint jedoch nach einer gewissen Zeit und in manch einem Stück übertrieben, nähert sich einer sterilen Künstlichkeit an und lässt fragen, ob das noch natürliche Schönheit, unverfälschter Ausdruck ist oder eher schon manieriert und gezwungen. Meist, wenn ein solch ketzerischer Gedanke aufkommt, kontert die Musik ihn jedoch mit einem jener bezaubernden Momente, jener glasklaren, warmen Pracht, wie sie Newsom so mühelos zu schaffen in der Lage ist.

Die komplexen, überraschenden und kaum vorhersehbaren Arrangements bestimmen das Album und doch finden sich immer wieder Stücke, oder „Sätze“ in einzelnen „Symphonien“, die poppig einfach erscheinen, die sofort zugänglich sind und in ihrem formvollendeten Liebreiz den Hörer bezaubern. In diesen Momenten, diesen eher eingängigen Phasen überzeugt „Have One On Me“ am meisten. Hier greift der Vorwurf einer Affektiertheit kaum.

Es sind also die zugänglicheren Stücke, die diesen Hörer sofort gefangen nehmen, die zeigen, dass Joanna Newsom tatsächlich eine außergewöhnliche Songwriterin ist, bei der es wenig darauf ankommt, mit wem sie zusammenarbeitet. Ihr Talent allein reicht aus, um großartige, bezaubernde Momente zu schaffen, die vor Emotionen überborden und zu überschwänglichen Lobeshymnen auffordern. So zieht gleich zu Beginn „Easy“ in den Bann und lässt die Seele jubeln, wenn Flöte, Streicher, Piano, Schlagzeug und Newsoms Stimme gegen-, mit- und ineinander streben. Ähnliche Begeisterung erzeugen das umwerfende, hymnische, nahezu perfekte „Good Intentions Paving Co.“, das zerbrechliche „No Provenance“ oder die lyrisch und musikalisch treibende Schönheit „Baby Birch“. Auch „You And Me, Bess“ und „Go Long“ fallen hierunter. Besonders aber stechen die minimale Harfenperle „On A Good Day“ und die nur wenig längere Harfennummer „’81“ mit all ihrem Jauchzen aus der Vielfalt des Albums heraus.

Die letzte Platte dieses Albums ist wahrscheinlich die klanglich homogenste. Hier finden sich aber auch die meisten Momente, denen vorgeworfen werden könnte, Newsom agiere zu gespreizt, unnatürlich gekünstelt. Diese Platte beinhaltet mit „Soft As Chalk“, „Esme“ und „Ribbon Bows“ jene drei der unübersichtlicheren, komplexeren Stücke, welche – für diesen Hörer – einen wirklichen Zauber entfalten. Allerdings übertreffen die weiteren drei Stücke auch den Rest der komplexeren Tracks in dem Maß der ausgelösten Frustration. Das geht sogar soweit, dass sich immer wieder ein Gefühl von Langeweile einschleicht. Aber es gilt erneut: Solche Phasen werden meist unmittelbar aufgehoben von Momenten unfassbarer Klarheit und Schönheit.

Beeindruckend ist, wie sich die Wahrnehmung einzelner Stücke und einzelner Takte von Hören zu Hören ändert. Was einmal begeistert, kann später als Kitsch erscheinen, was jetzt frustriert, führt das nächste Mal zu manischen emotionalen Ausbrüchen oder rührt zu Tränen. Die hohe Varianz in den ausgelösten Gefühlen, in Gefallen und Missfallen, sowie die Überfülle an Eindrücken, die „Have One On Me“ bietet, machen es schwer, ein abschließendes Urteil zu fällen. Aber, es ist sicher so, dass reine Außergewöhnlichkeit in Klang und Fülle nicht ausreichen, ein Meisterwerk auszurufen. Dies gilt insbesondere, wenn manches gelegentlich so wahnsinnig manieriert und übertrieben wirkt, wenn vieles häufig so kalt lässt und wenn das ein oder andere Stück doch so arg darauf zugeschnitten zu sein scheint, den Hörer beeindrucken zu wollen und so auch eine Unfähigkeit zeigt sich im Songwriting wie in der Songauswahl zu beschränken. Nur weil ich hier noch ein Harfensolo, dort noch einen säuselndes Outro, andernorts ein gurrendes Zwischenspiel und zum Schluss noch einen emotionalen Ausbruch einbauen kann, bedeutet es nicht, dass ich es muss oder dass es meiner Komposition hilft. Natürlich kann es die Stücke verbessern, aber auf „Have One On Me“ wirkt es im Schnitt doch häufig relativ unmotiviert. Nichtsdestotrotz ist Joanna Newsoms drittes Album ein außergewöhnliches Stück Musik, Ausdruck einer Künstlerin, die es immer wieder schafft, den Hörer zu überraschen und ihn über lange Zeit in ihren Bann zu ziehen.

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